Harald Frenz aus Bienenbüttel liefert sein Holz mit einem 65 Jahre alten Magirus-Deutz-Laster aus

Rumpelnd zum Kunden

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Servolenkung? Klimaanlage? Distanzkontrolle? Alles Erfindungen, auf die Harald Frenz in seinem Magirus-Deutz aus dem Jahr 1952 verzichten muss. Mit dem Oldtimer-Laster liefert der Bienenbütteler noch regelmäßig Holz aus.

Bienenbüttel. Wir starten im dritten Gang. Ich trete das Gaspedal durch, und mit einem Ruckeln des gutmütigen Diesels setzt sich der 90 PS starke Magirus-Deutz in Gang. Das große Speichenlenkrad liegt gut in der Hand.

Es ist aber ständig in Bewegung – so oft muss ich nachkorrigieren, damit das grün-schwarze Ungetüm nicht eines der an der Uelzener Straße abgestellten Autos streift. 

Bis heute liefert Harald Frenz aus Bienenbüttel mit dem 65 Jahre alten Laster regelmäßig Holz an seine Kunden. Gerade hat der aktive Oldtimer mit den zigmal verbeulten und geflickten Kotflügeln eine neue TÜV-Plakette erhalten.

"Wenn der Laster nicht mehr läuft, gibt es den Betrieb nicht mehr." - Gaby Frenz

60 Jahre liegen zwischen dem Magirus-Deutz S 3500 und den modernen Lkws, die auf der B 4 Bienenbüttel passieren.

Am Kirchenkreisel: Zwischengas, runterschalten! In dem immer noch originalen Getriebe knirscht es vernehmlich. „Keine Sorge! Die Kupplung ist neu“, beruhigt Frenz den Fahrer und setzt auch den zwischenzeitlich ausgefallenen Blinkerschalter wieder in Betrieb. Neu heißt in diesem Fall etwa 20 Jahre. Bereits in den Siebzigerjahren gab es eine Plakette für die erste Million zurückgelegte Kilometer. Wie viel der Ersatzmotor gelaufen ist, dieses Geheimnis behält der Tacho für sich.

Gott sei Dank besitzt der 7,5-Tonner eine Druckluftbremse. Trotzdem gerate ich ins Schwitzen. Eine Klimaanlage gibt es ja ebenso wenig wie Servolenkung, Airbag oder die in modernen Lkws verbaute Distanzkontrolle. Dafür winken die Menschen Harald Frenz manchmal zu, wenn er auf Liefertour ist. Ganz so wie sein Schwiegervater Gerhard Frenz, der das Fahrzeug vom Typ S 3500 im Jahr 1952 – damals hatte die Holzhandlung ihren Sitz noch in Bevensen – für stolze 20 000 D-Mark anschaffte.

Bienenbütteler liefert Holz mit 65 Jahre altem Magirus-Deutz-Laster

Als wir in Richtung Wichmannsburg rumpeln – die Blattfedern gewährleisten einen spartanischen Komfort, die Sitzbank aus glattgewetztem Kunstleder federt mit – da muss ich daran denken, dass der 1999 verstorbene Firmengründer zweimal mit dem Magirus Holz über die Alpen geliefert hat. In jungen Jahren hat Harald Frenz geflucht über das altertümliche Gefährt. Dann hat er die einfache Technik schätzen gelernt. Fast alles repariert der 61-Jährige selbst. Ein baugleicher Laster dient ihm als Ersatzteillager. Und der Magirus springt immer an.

Gaby Frenz mit dem Kühlergitter des Magirus-Deutz-Lastwagens, den ihr Vater vor 65 Jahren für 20 000 D-Mark anschaffte.

Damals, 1952, pries der Hersteller die Luftkühlung des Vierzylinder-Dieselmotors an: „Kein Ärger, kein Zeitverlust mehr durch Wasserablassen am Abend und Auffüllen von heißem Wasser am Morgen“, heißt es im kolorierten Prospekt. „Das Verbrennungsverfahren mit der Deutz-Wirbelkammer sichert leichtes Anspringen des Motors selbst bei Temperaturen von minus 40 bis plus 60 Grad.“

79 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit stehen im Original-Fahrzeugbrief. Diese Angabe hat Frenz noch nicht nachgeprüft. „Der soll nicht mehr gequält werden“, findet Harald Frenz. Dass der Magirus-Deutz einmal in Rente geht, konnte sich schon Firmengründer Gerhard Frenz nicht vorstellen, erzählt Gaby Frenz: „Mein Vater war sehr abergläubisch. Er sagte immer: Wenn der Laster nicht mehr läuft, gibt es den Betrieb nicht mehr.“

Von Gerhard Sternitzke

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