Er neigte zu „Albernheiten“

Psychiatrie: Der Uelzener Hermann Körtke wurde von den Nazis getötet

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In der Tötungsanstalt Sonnenstein in Pirna wird Hermann Körtke ermordet. 

Uelzen/Lüneburg – Mehr als 70 000 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen wurden während des Dritten Reiches zwischen 1940 und 1945 in der Aktion T 4 systematisch ermordet.

Sie waren Teil der Krankenmorde in der Zeit des Nationalsozialismus mit über 200 .000 Opfern. Einer der in der Aktion T 4 Ermordeten war der Uelzener Hermann Körtke, der seit Juli 1929 wegen angeblicher Geisteskrankheit in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg untergebracht war und am 7. März 1941 in Pirna ermordet wurde. Auf die Spuren seines Schicksals hat sich Dieter Thiel vom Uelzener Bündnis gegen Rechts begeben. Und die Lebensgeschichte Körtkes in Archiven rekonstruiert.

Magistrat und Anstaltsleitung tauschten sich regelmäßig über Hermann Körtke aus. 

„Er war seit 1929 aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen Patient in der Heil-und Pflegeanstalt Lüneburg“, berichtet Thiel. Anlass seiner Unterbringung war, dass er von einem Landwirt dabei erwischt wurde, wie er zwischen Kühen und Pferden nackt auf einem Feld bei Borne und Niendorf lief und die Tiere mit einem Stock herumjagte. Zuvor hatte er, so Thiel, wahrscheinlich ein Bad im Bornbach genommen. Er verletzte weder sich selbst noch andere. Die Landjäger bringen den 19-Jährigen zu seinem Vater nach Uelzen. Dieser gibt an, dass er glaubt, der Junge sei geisteskrank. Körtke wird nur vier Tage später am 9. Juli 1929 auf Veranlassung des Magistrats und des Bürgermeisters Johann Maria Farina auf dem kurzen Dienstweg in die Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg eingeliefert.

„Mit wenigen Verwaltungsakten und einem rasch erstellten medizinischen Gutachten wird sein Schicksal besiegelt“, sagt Thiel. Eine Diagnose des Amtsarztes habe es nicht gegeben, so Thiel. Es habe lediglich geheißen, dass man Körtke und seine Mitmenschen schützen müsse. Sein Verhalten sei sicherlich ungebührlich gewesen, aber letztlich vollkommen harmlos. Sein Aufenthalt wird in Abständen von sechs Monaten bis zwei Jahren mit simplen polizeilichen Einweisungsverfügungen verlängert. „Für die Beteiligten aus Klinikleitung, Magistrat und Ortspolizei ist es ein leichtes Spiel“, sagt Thiel.

In der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg wird Körtke die letzten zwölf Jahre seines Lebens verbringen. Zunächst darf er noch seinen Vater und seinen Stiefbruder besuchen. Vonseiten der Anstaltsleitung wird darin kein Problem gesehen. Dabei kommt es laut den Akten auch nie zu strafbaren Handlungen – auch nicht, als er zweimal aus der Anstalt ausbüchst. So wird etwa von einem läppischen Wesen Körtkes geschrieben, der zudem noch zu Albernheiten neige. „Eine schwerwiegende psychische Störung lässt sich von den Symptomen nicht ableiten“, sagt der Mediziner Thiel.

Die Situation ändert sich schlagartig mit der Machtübernahme der Nazis 1933. „Geisteskranke“ gelten als Gefahr für die öffentliche Gesundheit. Sie würden anderen, „gesunden“ Kranken die Nahrung wegnehmen.

Am 7. März 1941 wird Körtke zusammen mit 113 Personen von Lüneburg in die Tötungsanstalt Sonnenstein in Pirna transportiert. Dort wird er vergast. Zuvor werden die Patienten angeblich untersucht. Wer goldenen Zahnersatz hat, wird mit einem Kreuz markiert. Die Ermordeten werden verbrannt, die Asche verscharrt und Knochenreste zerkleinert. Körtkes Vater teilt man lediglich mit, sein Sohn sei gestorben und beigesetzt worden.

VON LARS LOHMANN

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