Ermittler hörten Telefon ab

Zu Prozessbeginn fehlen Unterlagen: Angeklagte sollen Pay-TV-Sender Sky angezapft und gestreamt haben

+
Im Prozess um den Streamingdienst iStreams.to schützen sich die Angeklagten im Alter von 22 bis 26 Jahren im Landgericht Lüneburg mit Aktendeckeln vor den Blicken der Öffentlichkeit. 

Lüneburg. Vier Angeklagte, vier Aktendeckel, vor vier Gesichter gehalten: Vor dem Landgericht Lüneburg beginnt gestern der Prozess wegen eines Computerbetrugs im großen Stil (AZ berichtete).

Die Angeklagten im Alter von 22 bis 26 Jahren, die zum Zeitpunkt der Taten teils noch minderjährig waren, sollen das Signal des Pay-TV-Senders Sky entschlüsselt und über ihr Internetportal iStreams. to verkauft haben. Dabei geht es um einen Schaden durch entgangene Abonnements von über drei Millionen Euro. Doch der Prozess steht gleich am Eröffnungstag vor dem Aus, und auch die Anklage wird nicht verlesen. Der Grund: Wichtige Unterlagen fehlen.

„Es geht um 1,5 Terabyte Daten, die nicht zur Verfügung stehen“, berichtet Richter Axel Knaack ärgerlich. „Ich gehe davon aus, dass 1,5 Terabyte eine Informationsmenge sind, die mehrere Monate Arbeit bedeuten.“ Deshalb bringt der Vorsitzende der vierten großen Jugendkammer selbst eine Prozessverschiebung bis ins nächste Jahr ins Gespräch. „Jeder Beteiligte hat ein Anrecht zu wissen, was drinsteht.“

„Es ist üblich, dass sämtliche Akten und Unterlagen bei Abschluss der Ermittlungen ans Gericht übersandt werden“, erklärt dazu Landgerichts-Sprecher Christoph Luedtke auf AZ-Nachfrage. Bei den noch nicht eingesandten Unterlagen handelt es sich offenbar um DVDs mit Protokollen aus der der Überwachung von Telefongesprächen der Angeklagten. Die Vervielfältigung der Datenträger nehme offenbar viel Zeit in Anspruch, wobei die Verschlüsselungstechnik eine wichtige Rolle spielt.

Auf eine Aussetzung des Verfahrens verzichten die vier Verteidiger zunächst. Damit kann der Prozess, für den 18 weitere Termine bis zum März 2019 vorgesehen sind, am 13. November mit Zeugenvernehmungen fortgesetzt werden. Wegen der Komplexität der Materie wird er auf ganzer Länge von einem IT-Sachverständigen begleitet. „Es ist absehbar, dass die Beteiligten, insbesondere wenn sie im analogen Zeitalter aufgewachsen sind, wenn es an die technischen Details geht, an ihre Grenzen kommen“, betont Richter Knaack.

Wegen der Vielzahl der Taten schlägt er eine verkürzte Verlesung der Anklage vor. 7.400 Internetnutzer sollen zwischen Oktober 2011 und Februar 2016 die Dienste von iStreams.to in Anspruch genommen haben und insgesamt 20.854 Pakete gebucht haben. Die Angeklagten, die aus dem gesamten Bundesgebiet kommen, sollen mit diesem Geschäftsmodell 250.000 Euro eingenommen haben. Zu den Vorwürfen äußern sich die Angeklagten vorerst nicht.

Von Gerhard Sternitzke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare