Er folgt der Jakobsmuschel

Pilger Stefan Hohlbaum macht auf seinem Weg Station in Bienenbüttel

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Pilger Stefan Hohlbaum startet von der Bienenbütteler Kirche zur nächsten Etappe: „Ich bin auf der Suche nach Gott.“ 

Bienenbüttel – Ein Mann sitzt auf der Kirchenmauer. Sein Bart ist grau. An den Füßen trägt er Sportschuhe. Den schweren Rucksack hat er nicht abgesetzt. Inmitten des Verkehrs vor ihm wirkt der Wanderer heiter, in sich gekehrt. Sein Blick ruht auf dem Reiseführer.

Von Bienenbüttel, wo er in der Pension Heidehof übernachtet hat, geht es an diesem Tag weiter zum Kloster Medingen.

Es gibt Dinge, die man nicht berechnen kann.

Stefan Hohlbaum, Pilger

Nichts treibt ihn. Es gibt kein Pensum, das er sich gesetzt hat. Er bucht auch die Quartiere nicht im Voraus. Stefan Hohlbaum liest jeden Tag nur die Angaben für die nächste Etappe, denn der Weg, den er zurücklegt, ist auch ein innerer. Er ist Pilger.

„Man vergisst die Zeit“, erzählt der 52-Jährige aus Trittau in Schleswig-Holstein. „Man genießt den Augenblick.“ Pilgern macht den Kopf frei. Wenn es passt, legt er sich in die Sonne. Wenn es sich ergibt, lässt er sich auf ein Gespräch ein.

Drei Wochen Zeit hat er sich für die Via Scandinavica genommen, einen Teil des Jakobswegs. Die Jakobsmuschel zeigt ihm den Weg. Sein persönliches Ziel ist Eisenach, wo Martin Luther auf der Wartburg die Bibel übersetzte. Aber eigentlich ist der Weg das Ziel.

Abseits der großen Straßen geht Hohlbaum 20 bis 25 Kilometer pro Tag. Der bis zu 25 Kilo schwere Rucksack wird im Lauf des Tages leichter. Der Pilger hat alles dabei, Essen und Getränke und einen Schlafsack, denn es ist nicht immer mehr leicht, ein Gasthaus zu finden, in dem er essen und übernachten kann.

Mit dem lieben Gott hatte der Mathematiker bei einer Versicherung nie viel am Hut – bis er spontan ein Flugticket buchte und das letzte Stück des Jakobswegs nach Santiago de Compostela ging. Dort sprang der Funke über. „Ja, ich bin da. Ich bin angenommen“, das war sein Gefühl, als er schließlich vor der berühmten spanischen Wallfahrtskirche stand.

Hohlbaum besucht nicht regelmäßig den Gottesdienst, und er betet auch nicht laut. Es ist eher eine persönliche Zwiesprache mit Gott – in ihm drin, im Kopf. „Ich suche den Weg zu Gott“, sagt der Pilger. Bestimmte Erlebnisse bestärken ihn dabei. Etwa damals, als in Spanien eine Feuerwerksfabrik explodierte, an der er kurz zuvor vorbeigegangen war. „Was hat mich getrieben weiterzugehen?“, fragt sich Hohlbaum. Oder er verläuft sich und weiß nicht weiter. „Dann gehe ich in mich und gehe halb links“, erzählt der Pilger. Es ist, als wäre in ihm ein Schalter umgelegt. „Es gibt Dinge, die man nicht berechnen kann“, ist Hohlbaum heute überzeugt.

Am Sonntag vor einer Woche ist er gestartet. Artlenburg, Bardowick und Lüneburg waren bisherige Stationen. Die Kirchen an der Via Scandinavica, die auch die Klöster Medingen und Ebstorf berührt, sind der rote Faden für den Holsteiner. Er genießt die Architektur – am liebsten, wenn gerade Musik zu hören ist.

An der Bienenbütteler Michaeliskirche steht er an diesem Morgen allerdings vor verschlossener Tür – eine Erfahrung, die er im kühlen Norden häufiger macht. „Ich bin mächtig enttäuscht“, sagt Hohlbaum. „Da ist ein Schild offene Kirche, und sie ist zu. Das ist leider sehr häufig.“ Und natürlich trifft er, anders als auf dem Weg nach Santiago, selten andere Pilger.

An den Stationen gibt es für die Pilger Stempel. „Aber was bei mir im Kopf ist, ist viel mehr wert als ein Stück Papier“, meint Hohlbaum. Dann geht er weiter. „Schauen wir mal, was der Tag bringt.“

VON GERHARD STERNITZKE

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