Bahn verzichtet bei vielen Zügen in Bienenbüttel auf Warndurchsagen / Bislang keine Vorfälle

Ohne Vorwarnung

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„Vorsicht, schnelle Vorbeifahrten!“: Das Schild am Bienenbütteler Bahnhof ist durchaus ernst zu nehmen. Nur dort, wo Geschwindigkeiten bis zu 200 Stundenkilometer möglich sind, gibt es noch Warndurchsagen.

Bienenbüttel. Hamburg liegt vor der Tür. Mit dem Metronom geht es von Bienenbüttel in 40 Minuten zum Arbeitsplatz in der Metropole. Wer auf dem Bahnsteig wartet, muss allerdings vorsichtig sein. Wie aus dem Nichts erscheint der ICE und rauscht durch den Bahnhof.

Eine Warndurchsage gibt es längst nicht immer.

Etwa alle drei Minuten passiert ein Zug den Bienenbütteler Bahnhof. Eine nicht repräsentative Zählung von Bahn-Anwohner Ulf Herzbruch ergibt am 17. Februar zwischen 11.06 und 12.05 Uhr 19 Züge, elf davon ohne Ansage. Das ist auch kein Zufall. Seit Oktober 2014 spart sich die Deutsche Bahn die Warndurchsagen an vielen Bahnhöfen.

Damit habe man Lärmschutzvorschriften, insbesondere für Anwohner der Stationen, umgesetzt, erklärt Bahn-Sprecher Egbert Meyer-Lovis. „Nur wenn der sichere Eisenbahnbetrieb dies erforderlich macht, werden Lautsprecheransagen durchgeführt.“

Die sprichwörtliche Bahnsteigkante ist alles andere als harmlos. Im November 2015 wurde ein Junge in Schlüchtern (Hessen) durch den Sog eines Güterzugs umgeworfen. Er erlitt eine gefährliche Kopfverletzung. Laut ARD („Kontraste“) ereigneten sich zwischen 2006 bis 2010 insgesamt 54 Unfälle auf Bahnsteigen, bei denen 18 Menschen getötet wurden. Bislang gab es keine Vorfälle aufgrund der Neuregelung, sagt Meyer-Lovis. Auch die Bundespolizei teilt mit, dass hierzu keine Statistik geführt werde.

„Für jeden Bahnsteig beziehungsweise für jedes Bahnsteiggleis und den dazugehörigen Bahnsteigbereich erstellt der Bahnhofsmanager eine standardisierte, computergestützte Risikobewertung“, erklärt Bahn-Sprecher Meyer-Lovis. Hierfür seien sämtliche Unfälle der vergangenen zehn Jahre ausgewertet worden. Im übrigen würden die Fahrgäste durch Markierungen am Bahnsteig und Schilder mit dem Hinweis „Vorsicht schnelle Vorbeifahrten“ sowie Durchsagen gewarnt.

Tatsächlich hat die Bahn ein Problem. Auch über 150 Jahre nach dem Bau der Bahnstrecke stehen die Fahrgäste immer noch direkt an den Bahngleisen. Nur dass die Geschwindigkeit der Züge sich vervielfacht hat. Welchen aerodynamischen Effekten die Wartenden ausgesetzt sind, hat die Bahn simulieren lassen. Sie sind Grundlage der Risikobewertung. Ergebnis: In Bienenbüttel an Gleis eins, in Bad Bevensen, in Uelzen an den Gleisen 101 und 102 sowie in Suderburg an Gleis 1 gibt es weiterhin Warndurchsagen, teilt Meyer-Lovis mit: „Weil die Züge hier bis zu 200 Stundenkilometer fahren dürfen.“

Von Gerhard Sternitzke

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