Zu Gast bei der Selbsthilfegruppe in Bienenbüttel

Die „Suchtsau“ im Kopf

Andreas Lohrmann und Doris Eichhorst sitzen vor ihren Gruppenregeln
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Andreas Lohrmann ist trockener Alkoholiker, Doris Eichhorst Angehörige eines trockenen Alkoholikers. Beide nehmen regelmäßig an der Selbsthilfegruppe „Ohne Sucht leben“ in Bienenbüttel teil.
  • Daniel Bieling
    VonDaniel Bieling
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Rund 1,6 Millionen Menschen sind laut Bundesgesundheitsministerium in Deutschland alkoholabhängig. Was bedeutet das für Süchtige und Angehörige? Die AZ war bei einer Selbsthilfegruppe in Bienenbüttel zu Gast.

Bienenbüttel – Rund 130 Liter. So viel Alkohol hat laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen allein im Jahr 2017 jeder Deutsche im Durchschnitt konsumiert. 2,6 Millionen Kinder wachsen 2018 in Familien mit einem suchtkranken Elternteil auf.

Auch Andreas Lohrmann war mal so ein Elternteil. Er ist trockener Alkoholiker und seit vier Jahren in der Selbsthilfegruppe „Ohne Sucht leben“ in Bienenbüttel dabei. „Ich war hochgradig depressiv, ohne dass ich es wusste“, sagt Andreas – in der Gruppe duzt man sich. Seit seinem 18. Lebensjahr habe er Alkohol getrunken – als Antidepressivum. Mit Anfang 30 stellte Andreas schließlich fest, dass er die Kontrolle verloren hat. Er ging zum Hausarzt, besorgte sich Hilfe und unterzog sich einem Entzug.

Die Auslöser für eine Sucht können vielfältig sein. „Es gibt viele Dinge, die einen Menschen prägen“, erklärt Andreas. Das könnten zum Beispiel Erlebnisse aus der Kindheit sein. Dabei gebe es immer mehrere Faktoren: „Ich habe noch keinen Menschen erlebt, der nur alkoholkrank ist.“ Auch Krankheiten wie eine Depression, so wie bei Andreas selbst, spielen eine wichtige Rolle.

Verleugnung bis zum Tod

Bis sich ein Süchtiger eingesteht, dass er Hilfe braucht, ist es jedoch ein langer Weg. Das weiß auch Doris Eichhorst, die seit 22 Jahren die Selbsthilfegruppe besucht. Lange war sie mit einem Alkoholiker verheiratet, helfen lassen wollte er sich nicht. „Ich habe das über 20 Jahre lang mitgemacht, dann habe ich mich von dem Mann getrennt“, erzählt Doris. Stets habe ihr Mann seine Sucht abgestritten – bis er an multiplem Organversagen starb. „Der hat sich wirklich in den Tod gesoffen“, findet die 70-Jährige deutliche Worte. Ihr jetziger Lebensgefährte ist ein inzwischen trockener Alkoholiker, gehörte laut Doris zur Gruppe der sogenannten Spiegeltrinker. Das bedeutet, dass der Blutalkoholspiegel auf einem konstanten Niveau gehalten wird. Die Abhängigkeit bleibt oft lange unerkannt, da der Betroffene selten erkennbar betrunken ist.

„Der Alkoholiker ist der größte Schauspieler, den es gibt“, weiß Doris. Viele streiten ihre Sucht ab, wollen sie nicht wahrhaben und tun daher alles, um nicht entdeckt zu werden. Dabei führen sie häufig ein zwiegespaltenes Leben: einmal als kranker Trinker, einmal als liebevoller Partner in der Familie. „Alkoholiker können sich in der Gesellschaft sehr gut verstecken“, weiß auch Andreas. Man falle kaum auf, weil der Konsum für viele normal sei. „Die Gesellschaft ist so aufgebaut, dass Alkohol zum guten Ton dazu gehört.“

Der ständige Kampf mit der „Suchtsau“

Als sein Freundeskreis feststellte, dass es bei ihm keinen Alkohol mehr gibt, sei der Kreis immer kleiner geworden, sagt Andreas. Auch sein Engagement im Sportverein sei ihm schwergefallen, weil dies eine Welt sei, in der dem Alkohol gefrönt werde. „Man sagt immer: Man hat eine Suchtsau im Kopf“, erklärt Andreas. „Und die wird getriggert.“ Neulich sei er zum Beispiel an einem griechischen Restaurant vorbeigegangen, dabei habe ihn der Geruch getriggert: Direkt waren die Gedanken beim Ouzo und Rotwein. „Das ist für alle trockenen Alkoholiker ein Kampf“, sagt der 52-Jährige. „Alles kann uns triggern.“

Alles kann uns triggern.

Andreas Lohrmann

Zweimal ist Andreas so rückfällig geworden, ebenso wie der Lebensgefährte von Doris. Ein Rückfall stelle eher die Regel als die Ausnahme dar und gehöre zur Krankheit dazu, betont Andreas. Denn die Verlockungen lauern überall: „Auch wer alkoholfreies Bier trinkt, ist rückfällig.“ Dabei sei es ein Fehler, den Rückfall zu verheimlichen. Denn wer offen damit umgehe, werde auch nicht bedrängt, Alkohol zu trinken, berichtet Doris. Ihr Lebensgefährte betone stets, wie wichtig eine „brutale Ehrlichkeit“ sei.

Brutal ehrlich geht es auch zu, als die anderen Gruppenmitglieder eintreffen. Hier wird nichts beschönigt, was auch Andreas betont: „Man schmeißt alles, was auf der Seele liegt, hier auf den Tisch.“ Das Gruppenmitglied Thomas* befindet sich „auf dem Weg zur Trockenheit“, wie er es beschreibt. Zum ersten Mal hat er es geschafft, sieben Monate trocken zu bleiben – ein Erfolgserlebnis. Auch habe er jetzt zum ersten Mal seit langer Zeit wieder weinen können. Auch das ist für Thomas ein Grund zur Freude, denn lange habe er seine Emotionen unterdrückt.

Ehrlichkeit zu sich selbst

„Aber ich bin froh, dass die Angst jetzt weg ist“, sagt Thomas – die Angst vor dem Rückfall. Dass die Angst nicht immer ein schlechtes Gefühl sein muss, weiß Andreas. So habe er aus Angst Kontakt zu seinem Hausarzt aufgenommen. Das könne vor weiterem Schaden bewahren. Doch woher kam die Angst bei Andreas? „Ich habe meiner Familie und mir selbst aufgrund meines Alkoholkonsums nicht mehr gutgetan.“ Zum Beispiel habe er mit seinen Kindern nicht mehr spielen können, weil er nicht mehr aus dem Bett gekommen sei. „Dann stimmt etwas nicht“, sagt Andreas.

Auch er selbst habe lange gedacht, seine Sucht erkannt zu haben, sagt Thomas, dann jedoch festgestellt, dass er nicht ehrlich zu sich gewesen sei. So wurde er wieder rückfällig. Daraufhin fällt ein Satz, der einen neuen Blickwinkel auf die derzeitige Pandemie ermöglicht: „Ich bin Corona dankbar“, sagt Thomas. „Ich musste ja alleine für mich klarkommen.“ Jetzt könne er wieder offener gegenüber anderen sein. „Das wird ein tolles Leben sein, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin“, sagt Thomas.

Vier Jahre habe es bei ihm gedauert, bis er seinen Alkoholismus zugeben konnte. „Das war hart“, sagt Thomas heute. Lange sei er unauffällig gewesen, weil er regelmäßig zwischen Alkohol und Kiffen gewechselt habe. Erst als er seinen Job verlor und daraufhin auch tagsüber trinken konnte, wurde er auffällig. Seine Rückfälle habe er stets mit 0,4 Liter Wodka gehabt – zur Beruhigung. Der Rest der Flasche wurde weggekippt. „Alkohol ist meine Medizin“, stellte Thomas damals für sich fest. Heute strebt er eine Traumatherapie an, um den Ursachen auf den Grund zu gehen. Diese geht jedoch erst los, wenn man ein Jahr trocken ist.

Schwerer Weg für Angehörige

Während Thomas erzählt, dass er inzwischen eine andere Wertschätzung sich selbst gegenüber habe, wird klar, dass Angehörige ebenfalls einen schweren Weg gehen müssen. Johanna* besucht mit ihrem Mann Werner* ebenfalls die Selbsthilfegruppe. Er trockener Alkoholiker, sie Angehörige. „Diese Gruppe hat mir so viel Halt gegeben“, sagt Johanna. „Ich konnte erstmals über die Masse an Ängsten sprechen, die in mir war.“ Sie selbst habe viel mit Depression zu kämpfen gehabt. Allerdings gibt es nur wenig Hilfsangebote für Angehörige von Süchtigen. „Man darf nicht vergessen: Die Angehörigen werden genauso krank“, betont Doris. Sie spricht von einer „Co-Abhängigkeit“.

Was das für sie bedeutet hat, erzählt Johanna. Mehrmals hat sie Werner konfrontiert, immer wieder hat er abgestritten, Alkohol getrunken zu haben oder gar süchtig zu sein. „Er hat es immer geschafft, diesen Zweifel in mir hervorzurufen“, sagt Johanna. Irgendwann habe sie sich selbst in Zweifel gezogen. „Das ist so, als wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird.“ Das ging so weit, dass sie sich sogar nicht mehr getraut habe, in den Keller zu gehen – immer in dem Wissen, dort Alkohol zu finden.

Je mehr Druck sie auf ihren Mann ausübte, desto mehr entfernte dieser sich. Kampflos wollte Johanna aber nicht aufgeben. Zunächst ging sie allein zur Selbsthilfegruppe, dann nahm sie ihren Mann mit. Heute kann Werner zugeben, sich selbst belogen zu haben. Damals habe er so viel gezittert, dass er nicht aus einer Glasflasche trinken wollte – aus Angst, sich damit die Zähne auszuschlagen. Heute ist Werner trocken: „Ich fühle mich so wohl, wohler geht’s gar nicht.“

Man kann jederzeit aussteigen.

Doris Eichhorst

Ein Ausstieg ist nie zu spät

Dass es dafür nie zu spät ist, weiß Doris: „Man kann jederzeit aussteigen. Meistens fängt der Rückfall im Kopf an, bevor man trinkt.“ Dabei gibt es verschiedene Phasen des Trinkens. Die Sucht beginnt meist mit heimlichem Trinken und dem dauernden Denken an Alkohol. In der kritischen Phase folgt das unwiderstehliche Verlangen nach mehr Alkohol nach dem ersten Glas – der Kontrollverlust. Hier flüchten sich Süchtige oft in Ausreden. Zum Schluss steht die chronische Phase, die oft von Psychosen, ethischem Abbau oder auch undefinierbaren Ängsten geprägt sein kann. Andreas rät dazu, sich rechtzeitig Hilfe zu holen: „Man muss nicht erst in der Gosse liegen. Wenn man mal in der Gosse liegt, kann es sein, dass man nicht mehr aufsteht.“ Erste Anlaufstelle hier in Uelzen sei zum Beispiel der Sozialpsychiatrische Dienst, bis man einen Platz in einer Klinik bekomme.

Daher betont Andreas, wie wichtig die Gruppenbesuche, auch nach einem Entzug, sein können: „Die Selbsthilfegruppe ist das A und O, um trocken zu bleiben. Das Ziel ist die zufriedene Trockenheit.“ Willkommen sind nicht nur von Alkoholismus Betroffene, sondern auch andere Süchtige und deren Angehörige. Andreas warnt davor, sich selbst zu sicher zu sein, spricht von einer „Abstinenz-Arroganz“. Je länger ein Alkoholiker trocken sei, desto sicherer sei er. „Der erste Schluck kann aber wieder direkt in Richtung Sarg gehen“, betont Andreas.

Sucht noch immer ein Tabu-Thema

Andreas und Doris wünschen sich, dass das Thema Sucht mehr Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erhält, für viele sei das noch immer ein Tabu. Auch die Corona-Pandemie habe der Gruppe nicht gutgetan, da man sich nicht habe treffen können. Zwar habe es einen Versuch gegeben, sich online zu treffen, aber dabei fehle das Persönliche, sagt Andreas. Dabei seien Selbsthilfegruppen gerade im Zuge der Pandemie wichtig, da dadurch der Alkoholkonsum in der Bevölkerung gestiegen sei. „Die Belastung in den Familien hat natürlich immens zugenommen“, nennt Andreas einen Grund dafür.

Nicht nur das Thema, auch die Selbsthilfegruppe selbst müsse daher verstärkt in der Öffentlichkeit auftreten. „Mir fehlt ein bisschen die Aufmerksamkeit durch die Gemeinde und von der Kirche“, sagt Andreas. „Hier war noch nicht ein Pastor, noch nicht ein Bürgermeister.“

* Name geändert

Kontakt zu Gruppen

Wer ebenfalls von einer Sucht betroffen ist – ob selbst oder als Angehöriger – kann sich den Selbsthilfegruppen anschließen.

„Ohne Sucht leben“: immer dienstags, 19.30 Uhr, im Gemeindehaus Bienenbüttel, Am Kirchplatz 6; Kontakt und Infos unter www.ohne-sucht-leben.de, E-Mail: o.s.l@gmx.de, Telefon: (01 70) 112 15 97

.„Die Basis“: immer mittwochs, 19.30 Uhr, im Pfarrhaus Medingen, Klosterweg 7; Infos unter www.die-basis-shg.de

Die Besuche der Selbsthilfegruppe sind kostenlos, Beiträge werden keine erhoben.

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