Im Dorfgespräch: Familie Johannsen lebte jahrelang in Afrika – dann zog es sie nach Bienenbüttel

Als „Mzungu“ in Ruanda

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Anna Lena Johannsen hält einen provisorischen Fußball aus Ruanda in der Hand. Von 2012 bis 2016 lebte die 39-Jährige mit ihrem Mann Jesko und den beiden gemeinsamen Kindern in dem ostafrikanischen Land, bis es sie nach Bienenbüttel zog.

Bienenbüttel. „Mzungu, Mzungu!“, schallt es über die Bergkuppen von Ruanda. „Der Weiße, der Weiße“, wenn Anna Lena Johannsen und ihre Familie durch das Land streifen. „Wir sind keine Mzungus, wir sind Menschen“, rufen sie zurück. Eine Attraktion wider Willen.

Das liegt nun beinahe zwei Jahre zurück. Zwischen 2012 und 2016 lebte Anna Lena Johannsen mit Mann und Kindern in Kigali, der Hauptstadt des ostafrikanischen Landes – dort, wo es selten Wasser in den Häusern gibt, die Kinder Fußball mit einer Kugel aus Plastiktüten spielen. Wo Hauspersonal nichts besonderes ist, ein Auto aber durchaus.

Am Dienstagabend sitzt die 39-Jährige in der Bienenbütteler Markthalle zum „Dorfgespräch“ zwischen lauter „Mzungus“ und ist wieder eine kleine Sensation. Dabei schätzt sie an ihrer neuen Heimat Bienenbüttel vor allem eines: „Dass man nicht auffällt. Man kann einfach losgehen, ohne angestarrt zu werden.“

Arbeitsverträge, die Mietwohnung, den Kindergartenplatz – alles haben die Johannsens gekündigt. „Das sind natürlich Sachen, bei denen man schluckt“, gesteht die Ethnologin. Dann ließen sie ihr Auto mitsamt weniger wichtiger Gegenstände verschiffen, und der Flieger ins Ungewisse hob ab. Ungewiss mit Abstrichen. Zwar wussten die Johannsens nicht, wie und wo genau sie wohnen würden, Kigali aber hatte Jesko Johannsen zuvor „ausgekundschaftet“. Sicher und sauber genug musste es sein und eine deutsche oder internationale Schule haben.

Was treibt ein Paar dazu, alles zurückzulassen? Der Wunsch, den damals drei- und fünfjährigen Kindern eine fremde Welt zu zeigen und selbst dort zu arbeiten: er als Journalist, sie als Kulturanthropologin bei einer Menschenrechtsorganisation. 1994 fand in Ruanda ein Völkermord statt. Binnen 100 Tagen wurden bis zu eine Million Menschen ermordet. Zwar habe das Land danach viel Entwicklungshilfe erhalten, die Lage der Menschenrechte aber, bemerkte Anna Lena Johannsen bald, galt es noch deutlich zu verbessern. Neun Monate beobachten, Nichtregierungsorganisationen vernetzen, Konferenzen veranstalten – alles auf Englisch. Unter anderem konnte durch ihre Hilfe die staatliche Unterstützung für Studenten wieder eingeführt werden.

Die Kinder unterdessen lernten ein Land kennen, in dem vieles anders funktioniert. Das betrifft etwa die Berührungsängste: „Da wird einem schon mal so ein Arm um die Schulter gelegt. Und auch im Auto oder im Bus: Plötzlich hat man irgendwelche Kinder auf dem Schoß sitzen oder auch mal eine Huhn – das ist ganz normal“, weiß Anna Lena Johannsen. Früh am Morgen sieht man die Jüngsten mit Kanistern Wasser holen. Es gibt nur eine Sorte Käse oder Salami, dafür Milch zu jeder Tageszeit, keine Spielplätze, selten Fahrräder.

Der Alltag in Ruanda wurde bald zu ihrem – trotz bemalter Ostereier, Fasching und einer Weihnachtspalme mit Lametta. Anna Lena Johannsen stellt klar: Bienenbüttel war zwar weit weg, „aber immer unsere deutsche Wurzel“.

Von Anna Petersen

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