Beamter hatte Dienst im Gebiet der Polizei-Inspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen verrichtet

Erinnerungslücken und Schweigen: Missbrauchsprozess endet mit Freispruch für 72-Jährigen

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Die zweite große Jugendkammer unter Vorsitz von Thomas Wolter (links) sprach den Angeklagten vom Vorwurf des sexuellen Missbrauchs frei.

Lüneburg – Es sind acht Stufen bis zum Holzportal des Lüneburger Landgerichts. Für den 72-Jährigen wirkt der Weg etwas mühevoll, fast stolpert er. Es ist einer der Verhandlungstage gegen ihn, weil er sich an seinen beiden Stieftöchtern vergangen haben soll.

Am Mittwoch hat er diesen Weg – vorerst zumindest – ein letztes Mal antreten müssen. Das Gericht sprach ihn an diesem Tag vom Missbrauchsvorwurf frei. Er konnte als freier Mann über eben jene acht Stufen das Gericht wieder verlassen.

Zu sechs Verhandlungstagen war die zweite große Jugendkammer unter Vorsitz von Richter Thomas Wolter bis dahin zusammengekommen, um zu klären, ob die Vorwürfe zutreffend sind. Die Staatsanwaltschaft hatte den Ex-Polizisten, der seinen Dienst im Gebiet der Polizei-Inspektion Lüneburg/Lüchow-Dannenberg/Uelzen versah, angeklagt, im Zeitraum von 2008 bis 2013 seine Stieftöchter sexuell missbraucht zu haben – im Kinderzimmer, im Büro vor dem PC und im Wohnzimmer vor dem Fernseher soll es zu Übergriffen gekommen sein.

Wenn der 72-Jährige sprach, dann vor Verhandlungsbeginn oder in den Pausen mit seiner Verteidigerin Silke Jaspert. Die ließ zum Auftakt des Prozesses die Kammer wissen: „Es gibt nichts zu gestehen.“ Der 72-Jährige selbst schwieg vor Gericht.

Aussagen machten die beiden Stieftöchter sowie Familienangehörige als Zeugen. Die beiden jungen Frauen, die auch als Nebenklägerinnen auftraten, verwiesen bei Befragungen über mehrere Stunden immer wieder auf Erinnerungslücken. „Mein Kopf ist absolut leer. Wie Watte“, sagte einmal die Ältere der beiden auf dem Zeugenstuhl.

Die Kammer ließ zuletzt durchblicken, dass die Aussagen der älteren Stieftochter kritisch gesehen würden. Letztlich fehlen der Kammer nach der Beweisaufnahme „hinreichend sichere Fest-stellungen“, dass die Taten tatsächlich begangen wurden.

Die Staatsanwaltschaft hatte zuvor in ihrem Plädoyer drei Jahre Haft für den 72-Jährigen gefordert. Die Nebenklage-Vertreterin Giesela Frederking hatte sich diesem Strafmaß angeschlossen.

Ob die Nebenklage Rechtsmittel einlegen wird, ist noch unklar, wie Frederking gestern auf AZ-Anfrage sagte. Die Staatsanwaltschaft beabsichtigt nicht, Rechtsmittel einzulegen, teilte eine Sprecherin mit. Die Frist dafür läuft nach einer Woche ab.

VON NORMAN REUTER

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