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Die Vorgeschichte der russischen Eskalation

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Von: Theresa Brand

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Martin Gross
Der Autor Martin Gross lebte einige Zeit in Russland. In seinem neuen Buch „Ein Winter in Jakuschevsk“ beschreibt er die kulturellen und mentalen Unterschiede. © Theresa Brand

Sein erster Roman bekam erst 30 Jahre nach Erscheinen Aufmerksamkeit – so lange wird es dieses Mal wohl nicht dauern. Denn das neue Buch von Martin Gross ist heute aktueller denn je.

Varendorf – Für Martin Gross war die Wiederentdeckung seines ersten Buches „Das letzte Jahr. Begegnungen“ das entscheidende Ereignis, um sich wieder mehr seinen Buchprojekten zu widmen. „Die Lust am Schreiben war immer da“, erklärt er, doch an eine neue Veröffentlichung hat er lange Zeit nicht gedacht. 2020 beschloss der Autor dann, seine Erfahrungen aus der Zeit in Russland in einem neuen Buch herauszugeben.

„Ein Winter in Jakuschevsk“ beschreibt den Winter des Krisenjahres 1998/99 in Russland. Martin Gross, Jahrgang 1952, arbeitete in dieser Zeit und auch in den darauffolgenden Jahren immer wieder als Gastdozent für Literatur und koordinierte Projekte. Das Buch basiert auf seinen damaligen Tagebuchaufzeichnungen – insgesamt über 1000 Seiten, wie der Autor berichtet. Doch es soll keine Dokumentation sein. Szenen wurden anonymisiert, der Zeitraum zusammengefasst und das komplette Geschehen in die fiktive Stadt Jakuschevsk verlegt.

Alltag einer desillusionierten Bevölkerung

Es ist keine Geschichte über die bloße Zusammenarbeit zwischen einer deutschen und einer russischen Universität. Vielmehr geht es um den Alltag einer kriegsgeplagten Generation, einer desillusionierten Bevölkerung und einer Mentalität, die rückblickend die Abkehr vom Westen ein bisschen besser verständlich macht. Anfangs war Martin Gross noch zuversichtlich, dass mit der Einführung der freien Marktwirtschaft auch die Gesellschaft einen Schritt in Richtung Freiheit und Demokratie machen würde. „Doch ich habe von Anfang an kulturelle und mentale Unterschiede bemerkt“, erzählt er rückblickend. Es fängt mit den Seminaren an: In Deutschland geht es in Literaturseminaren hauptsächlich darum, sich eine eigene Meinung zu bilden, zu diskutieren, Kontroversen zu schaffen. In Russland ist dies undenkbar. Der Autor beschreibt die allgegenwärtige Angst: „Man muss das eigene Denken lieber verschweigen.“ Er versucht, die deutsche Art zu lehren einzubringen, doch damit stößt er immer wieder auf Widerstand. „Es hatte vielleicht etwas Überhebliches; das hat Aversionen geschaffen“, gibt er im Nachhinein zu. Die Russen fühlten sich kritisiert, minderwertig, von der westlichen Position überrannt.

Korruption und Überwachung


Dies spiegelt sich in allen Ebenen. In seinem Buch tauchen immer wieder Szenen auf, in denen die unterschiedlichen Mentalitäten aufeinandertreffen. Die Gesellschaft in Russland ist zum Teil geprägt durch Korruption, Überwachung und das Credo „Pass auf, mit wem du sprichst. Du weißt nie, wer mithört.“ So beschreibt Martin Gross seine Erfahrungen dort. Der Kapitalismus sei einfach zu schnell und zu radikal von oben durchgesetzt worden, meint er. Habe sich Osteuropa mehr an die europäische Wirtschaft angenähert, sei es im Gegensatz dazu in Russland bergab gegangen. Jeder habe irgendwie versucht, über die Runden zu kommen. Wer eine Machtposition innehatte, habe diese genutzt. Im Endeffekt führte das zu der Ansicht, der freie Markt des Westens sei nur eine Lüge – jeder kann jeden betrügen. So sei neben der Angst, die eigene Meinung zu äußern, auch der Wunsch, dass endlich jemand für Ordnung sorgt, entstanden. „Zugespitzt formuliert: Ein Volk wartet auf seinen Erlöser“, sagt Martin Gross.

In seiner Zeit in Russland stieß er oft auch an bürokratische Grenzen. Es gab gute Ansätze für Projekte, doch viele scheiterten an staatlichen Hürden. Im Buch beschreibt der Autor zum Beispiel, wie ein Vorhaben zur Unterstützung von Straßenkindern anlaufen soll. Die EU wäre zu finanzieller Förderung bereit gewesen, doch dafür hätte es Daten gebraucht. Die Reaktion des zuständigen Mitarbeiters war ein entsetztes: „Was glaubst du, was passiert, wenn wir solche Daten erheben und die dann noch ans Ausland vermitteln?“ Damit war das Projekt gestorben.

Offizielles Einreiseverbot


Im Jahr 2002 erhält Martin Gross ein offizielles Schreiben. Bei der russischen Regierung ist seine Einreise ab sofort unerwünscht. Er erhält ein Visaverbot. Wahrscheinlich hat er zu viel Unruhe gestiftet, vermutet er heute. Für ihn ist durch seine langjährige Zusammenarbeit mit Russland die heutige Situation verständlich. Es sei eine lange gesellschaftliche Entwicklung gewesen, die die Mentalität des russischen Volkes geprägt hätte.

Auch nach 2002 arbeitete er als Organisator an russischen Kooperationsprojekten weiter. Sowohl geschäftlich als auch privat war er ab dem Jahr 2007 wieder häufig dort, um Kontakte zu pflegen. Manche von ihnen halten bis heute. Über den Krieg wird kaum gesprochen, viele sind Befürworter. Einige Bekannte aber nicht, doch man spricht lieber in zweideutigen Bildern: Auf die Frage, wie es gehe, kommt: „Na ja, ich baue im Garten wieder Gurken und Tomaten an“. Da weiß Martin Gross: Man bereitet sich auf harte Zeiten vor.

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