Werk über die Dichterin Selma Merbaum

Marion Tauschwitz liest aus Biografie: Zwischen Lebenslust und Todesangst

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Mit der leidenschaftlichen Akribie einer literarischen Archäologin hat Marion Tauschwitz das Leben Selma Merbaums beleuchtet.

Bienenbüttel – „Ich möchte leben. Ich möchte lachen und Lasten heben und möchte kämpfen und lieben und hassen und möchte den Himmel mit Händen fassen und möchte frei sein und atmen und schrein. Ich will nicht sterben. Nein! Nein. “

So schreibt Selma Merbaum am 7. Juli 1941 unter dem Eindruck des Einmarsches deutscher Truppen in das 1940 von Rumänien an die Sowjetunion abgetretene Czernowicz in ihrem Gedicht „Poem“. Es ist das wohl berühmteste Werk der damals 17-jährigen Lyrikerin, dem nur noch wenige folgen werden.

Denn Selma Merbaum wird – nach einem kurzen Aufenthalt in einem Übergangslager – ein Jahr später wie viele tausend andere in das Zwangsarbeitslager Michailowka östlich des Bugs in der von Deutschen besetzten Ukraine deportiert, wo sie achtzehnjährig völlig entkräftet an Flecktyphus stirbt.

Es ist das exemplarische Schicksal einer begnadeten jüdischen Künstlerin, der Marion Tauschwitz („Hilde Domin. Dass ich sein kann, wie ich bin“) eine wissenschaftlich fundierte Biografie widmete, die sie jetzt in der gut besuchten Buchhandlung Patz vorstellte. Mit der leidenschaftlichen Akribie einer literarischen Archäologin hat die Heidelberger Schriftstellerin dafür in dreijähriger Forschungsarbeit Daten, Ereignisse und Fakten zum Leben der jungen Künstlerin gesammelt, Archivmaterial aus der Ukraine, England, den USA und Deutschland gesichtet und ausgewertet, Dokumente geborgen, Zeitzeugen ausfindig gemacht und befragt.

Dichterin Selma Merbaum

Und das war auch längst überfällig, denn zu Selma Merbaums Leben in Czernowitz und zu ihrer Familie war bisher so gut wie nichts bekannt, nicht einmal ihr Name und Geburtsdatum war korrekt überliefert worden. „Das ist oft so, einer schreibt falsch vom anderen ab und es dauert Jahrzehnte, bis sich die Fehler wieder aus den Hirnen herausgefressen haben“, sagt Tauschwitz, die nach eigenen Angaben auch auf „viele kleine Wunder“ angewiesen war, um diese Biografie schreiben zu können.

Selbst in den bisherigen Ausgaben des insgesamt nur 57 Gedichte umfassenden Oeuvres Merbaums mit dem Titel „Blütenlese“ fand die studierte Germanistin Fehler und hat deshalb kurzerhand noch mal das gesamte Album in seiner korrigierten, ursprünglichen Fassung ihrem Buch angehängt.

„Das ist das Schwerste: sich verschenken und wissen, daß man überflüssig ist, sich ganz zu geben und zu denken, daß man wie Rauch ins Nichts verfließt“, schreibt Selma Merbaum am 23. Dezember 1941 im letzten, „Tragik“ genannten Gedicht der Sammlung in erschreckender Vorahnung ihrer baldigen Vernichtung – und fügt mit einem roten Stift hinzu: „Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben.“

Dieses meist unvollständig wiedergegebene und daher auch fehlinterpretierte Zitat liefert den Titel der sehr lesenswerten Biografie über eine überaus lebenshungrige und politisch selbstbestimmte junge Dichterin, deren feinfühlige Sprachgewalt selbst dem hartnäckigsten Lyrikmuffel zu Herzen gehen sollte. „Jetzt wissen Sie, was uns entgangen ist, weil wir sie nicht gelassen haben“, so Tauschwitz am Ende ihrer Lesung.

VON MARCUS KIEPPE

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