Vor 50 Jahren bekommt Lüneburg seine erste Fußgängerzone / Stadtarchiv sucht alte Fotos und Zeitzeugen

Keine Autos mehr in der Bäckerstraße

+
Bis in die sechziger Jahre ist die Lüneburger Bäckerstraße Teil der Bundesstraße 4. Autos, Lastwagen, Radfahrer und Fußgänger quälen sich durch die erste Einkaufsmeile der Stadt.

Lüneburg. 1954 hängt das Leben des kleinen Hans-Jörg am seidenen Faden. Ein Auto rollt auf den Zweijährigen zu, der leblos mitten auf der Straße liegt.

Kaum wiederzuerkennen: Die Bäckerstraße ohne Autos, dafür neu gepflastert, mit kleinen Schaufenstern und einem Brunnen.

In letzter Sekunde springt ein Wachtmeister auf die Bäckerstraße und bringt das Kind vor den Augen zahlreicher Passanten in Sicherheit. Kaum vorzustellen: Bis in die sechziger Jahre ist Lüneburgs erste Einkaufsmeile für den Straßenverkehr frei. Erst in den Jahren 1965 und 1968 werden nacheinander die Kleine und die Große Bäckerstraße gesperrt. 50 Jahre Fußgängerzone in der Bäckerstraße, dazu bereiten Stadtarchiv und IHK eine Ausstellung vor, für die jetzt Fotos, Filmaufnahmen und Zeitzeugen gesucht werden.

In der kleinen Bäckerstraße passt der Bus kaum an den Lastern der Lieferanten vorbei.

Die 266 Meter lange Verbindung ist damals Teil der Bundesstraße 4. Wer von Uelzen nach Hamburg fährt, kommt am Café Rauno vorbei. Mit der Zunahme des Verkehrs wird die Situation unerträglich. „Es gab Schäden an den Häusern, und es gab Unfälle“, berichtet der stellvertretende Leiter des Lüneburger Stadtarchivs Danny Kolbe. „Wenn der Bus aus dem Platz Am Sande in die Kleine Bäckerstraße einbog, waren Schrammen nicht unüblich.“ Die Fußwege sind so schmal, dass an manchen Stellen kaum zwei Fußgänger aneinander vorbeikommen.

Die Stadtverwaltung verfolgt das Verkehrsgeschehen mit wachsendem Unbehagen. An den Markttagen bringen die Kunden den Verkehr zum Erliegen. Lange Schlangen bilden sich. 1951 werden an einem Tag in der Bäckerstraße 3962 Kraftfahrzeuge sowie 61 Pferdefuhrwerke gezählt. 1962 quälen sich bereits 7185 Autos pro Tag durch die Bäckerstraße, die zeitgleich von 23 000 Fußgängern benutzt wird.

Ein erster Befreiungsschlag ist 1958 der Bau der Entlastungsstraße am Schießgraben. Bereits zuvor wird die Bäckerstraße Einbahnstraße in Richtung Hamburg. Aber die Blechlawine wächst unaufhaltsam. Nach dem Vorbild größerer Städte soll eine Fußgängerzone her. Viele Kaufleute haben Bedenken: Werden die Kunden ausbleiben, wenn sie nicht mehr vor dem Geschäft parken können? Und was ist mit der Anlieferung? Sogar ein Opel-Autohaus befindet sich in der Bäckerstraße.

1968 ist es so weit. 392 000 Euro investiert die Stadt in ihre erste Fußgängerzone, die damals 67 Geschäfte zählt. Sie wird mit kleinen Schaufenstern und einem Brunnen aufgelockert. Die Befürchtungen bestätigen sich nicht. Im Gegenteil, die Erfahrungen sind so gut, dass schnell weitere Fußgängerzonen folgen: 1970/71 Grapengießerstraße, Kuhstraße und Schrangenplatz, 1972 Glockenpassage.

Dass die Stadtväter vor 50 Jahren die Bäckerstraße für Fußgänger reservierten – das war die richtige Entscheidung, sagt Heiko Meyer, Vorsitzender der Gewerbetreibenden in der Lüneburger City Marketing (LCM): „Wir sind stolz darauf. Aber bitte nicht mehr!“

• Die Ausstellung beginnt am 6. März.

Danny Kolbe

Kontakt: Danny Kolbe oder Susanne Altenburger, Stadtarchiv Lüneburg, (0 41 31) 3 09-32 26 oder -32 24.

Von Gerhard Sternitzke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare