In Diskussion um missverständliche Äußerungen eines Bürgermeisters treffen Generationen aufeinander

Kein Held und kein Mörder

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Bürgermeister Gerhard Scharf: „Ich hätte den Andeutungen, die schließlich eindeutig aus der rechten politischen Ecke kamen, unmissverständlich und vehement widersprechen müssen.“ 

Lüneburg. Der zweite Januar 2018 ist ein schwarzer Tag für Dr. Gerhard Scharf. In der Nähe der Lüneburger Ritterakademie trifft er einen Mann, der gerade einen Gedenkstein filmt. Er lässt sich in ein Gespräch verwickeln, redet sich in Rage. Ob das Denkmal für die 110.

Infanteriedivision der Wehrmacht stehen bleiben darf, wird in der Stadt kontrovers diskutiert. „Mir geht’s nicht um die ganzen Schandtaten, sondern um Versöhnung“, sagt der 78-Jährige, und: „Es gibt kein Land der Erde, das seine Soldaten nicht ehrt. “.

Was Scharf, langjähriger ehrenamtlicher Bürgermeister, nicht weiß: Nikolai Nerling, mit dem er gesprochen hat, ist ein rechtsextremer Videoblogger unter dem Pseudonym „Der Volkslehrer“. In dem Filmchen aus Lüneburg, das er seine Heimatstadt nennt, bezeichnet er die Zahlen über die im weißrussischen Ozarichi Ermordeten als „offizielle Propaganda“ – bevor er Scharf trifft.

Szenenwechsel. Am Donnerstagabend hält sich Scharf aufrecht wie immer. Der Stadtrat entscheidet auf Antrag der Linken über die Abwahl des Bürgermeisters (AZ berichtete). Die Aula der Christiani-Schule ist so voll wie sonst nie bei den Sitzungen. Der Sicherheitsdienst lässt niemanden mehr rein. Polizei ist vor Ort.

David Amri (Linke) verweist darauf, dass in den Konzentrationslagern von Ozarichi 20 000 Menschen starben. „Daran trägt die Lüneburger Division eine direkte Mitschuld“, so Amri. „Wie verhalten wir uns zu einem Bürgermeister, der Naziverbrechen relativiert?“ „Seine Reputation ist beschädigt“, sagt Ulrich Blanck (Grüne). Birte Schellmann (FDP) fordert den Bürgermeister auf: „Lieber Herr Scharf, erklären Sie aus freien Stücken ihren Rücktritt als Bürgermeister!“

Offenbar treffen in der Schulaula auch die Generationen und ihr Umgang mit der Last der nationalsozialistischen Vergangenheit aufeinander. Scharf gehört noch der Generation der Kriegskinder und Flüchtlinge an. Der ehemalige Schulleiter hat sich selbst als Zeitzeugen bezeichnet und gerade deshalb im vorigen Jahr ehemalige Zwangsarbeiterinnen aus Ozarichi in Lüneburg empfangen.

Friedrich von Mansberg (SPD) gibt ein Beispiel. Gerade sei ein Briefwechsel seines Onkels aufgetaucht. Der Wehrmachtssoldat schrieb an seine Geliebte in Frankreich. In den Zeilen träumt er von einem Leben nach dem Krieg. Er ist in Russland gefallen. „War er ein Held? Nein. War er ein Mörder? Wohl auch nicht“, gibt von Mansberg zu bedenken. „Es kann heute nicht mehr um individuelle Schuld gehen, sondern um Verantwortung.“

Mit den Stimmen von SPD, CDU und AfD wird der Abwahlantrag in geheimer Abstimmung abgelehnt. „Die Aufarbeitung der Vergangenheit sollten wir den Historikern und Fachleuten überlassen“, findet Rainer Mencke (CDU). Sein Parteifreund sei auf den Videoblogger hereingefallen.

Scharf entschuldigt sich zu Beginn der Sitzung bei den Lüneburgern. „Als langjähriger, ehrenamtlicher Bürgermeister und Historiker sollte mir hinlänglich bekannt sein, welche Wirkung falsch gewählte Worte haben können“, erklärt er. „Ich hätte den Andeutungen, die schließlich eindeutig aus der rechten politischen Ecke kamen, unmissverständlich und vehement widersprechen müssen.“ Das Video verzeichnete gestern 26 990 Aufrufe.

Von Gerhard Sternitzke

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