Geldautomaten-Diebe: Richter Thomas Wolter mahnt Angeklagte, Geständnisse abzulegen

Es kann auch mehr Strafe sein

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Der Prozess gegen neun Angeklagte beginnt gestern im Landgericht Lüneburg unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen. 

Lüneburg. „Schauen Sie mir in die Augen!“, fordert Vorsitzender Richter Thomas Wolter Marco und Serbo H. auf.

Die beiden 32-Jährigen sollen die Organisatoren einer Bande gewesen sein, die in zehn Fällen von November 2016 bis Januar 2017 versuchte, Geldautomaten in Norddeutschland mit Hilfe von Transportern zu knacken. Die Serie begann in Bienenbüttel und Uelzen.

Mal sollen sie laut Staatsanwältin Anna Kaiser die Automaten mit Spanngurten aus der Verankerung gezogen, mal die Geräte einfach umgefahren haben. Jetzt sitzen sie mit weiteren sieben Angeklagten, einige davon Analphabeten, im Saal 21 des Landgerichts Lüneburg und verfolgen die von einem Dolmetscher in Romanes übersetzte Verhandlung über Kopfhörer.

Erhöhte Sicherheitsmaßnahmen begleiten den Prozess. Besucher und Journalisten müssen durch die Personenkontrolle. 21 Beamte sichern den Saal, manche tragen schusssichere Westen. „Wir haben keine erheblichen Hinweise. Aber es steht ein Tatvorwurf im Raum, der auf eine erhebliche kriminelle Energie schließen lässt“, erklärt Gerichtssprecher Andreas Stodolkowitz. Es geht um organisiertes Verbrechen.

50 Minuten ziehen sich Richter und Verteidiger zum Verständigungsgespräch zurück. Dann stellt Richter Wolter für den Fall, dass die Angeklagten Geständnisse ablegen, Haftstrafen von einem bis zu sechsdreiviertel Jahren in Aussicht. Der mutmaßliche Kopf der Bande, Marco H., und sein Komplize Serbo H. können in diesem Fall mit Strafen zwischen 4 Jahren, neun Monaten und sechs Jahren, neun Monaten rechnen. Damit liegt das Gericht sogar leicht über den Vorstellungen der Staatsanwaltschaft.

„Das ist das Mindeste, was wir zum Ausgleich der Taten erheben müssen“, redet Wolter den beiden ins Gewissen. „Das sind keine Kleinigkeiten. Wenn Sie nicht gestehen, müssen Sie damit rechnen, dass es deutlich mehr wird.“ Für Serbo H. könnten dann mehr als neun Jahre Gefängnis herauskommen. „Denn“, so Richter Wolter, „die Beweislage ist doch sehr gut nach allem, was wir den Akten entnehmen.“ Wenigstens in acht Fällen bestehe dringender Tatverdacht, zumal es erste Geständnisse gibt.

Ein Detail am Rande: Ein bislang unbekanntes Mitglied der Bande soll nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Kassel mit 60 Stundenkilometern auf Anwohner zugerast sein. „Sie konnten sich nur durch einen Sprung zur Seite retten“, schildert Staatsanwältin Kaiser. Anschließend hätten die Diebe zudem versucht, in das Haus einzudringen, in das sich die Zeugen geflüchtet hatten.

Am nächsten Freitag geht das Verfahren weiter. Sollte es keine Geständnisse geben, wird es möglicherweise ein langwieriges Verfahren. Insgesamt sind noch 19 Verhandlungstage bis Dezember angesetzt. Nicht weniger als 83 Zeugen sollen Licht in die Automaten-Aufbruch-Serie bringen.

Gestern Mittag klicken erst einmal wieder acht Handschellen. Nur einer der Angeklagten ist nicht in Untersuchungshaft.

Von Gerhard Sternitzke

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