Wenn das Fass übergelaufen ist

Grünhagener Logopädin beklagt zu viele Missstände und gibt ihre Praxis auf

Nach zehn Jahren als Logopädin in Grünhagen ist Schluss. Katja Wendler liebt ihren Beruf und die Arbeit mit den Patienten. Doch das System mit vielen Missständen nimmt ihr die Freude daran.
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Nach zehn Jahren als Logopädin in Grünhagen ist Schluss. Katja Wendler liebt ihren Beruf und die Arbeit mit den Patienten. Doch das System mit vielen Missständen nimmt ihr die Freude daran.

Grünhagen – Manchmal ist es nur ein fehlendes Kreuz. Mal ist die Anzahl der verschriebenen Sitzungen nicht eingetragen. Mal fehlt die Unterschrift. Oft hat Katja Wendler mit falsch ausgestellten Rezepten zu tun.

Und: „Die Ärzte wollen sich von uns oft nicht sagen lassen, dass sie ihr Rezept ändern müssen“, erklärt die Logopädin.

Für sie ein Riesenproblem, denn: Reicht sie nach erfolgter Therapie ein falsch ausgestelltes Rezept bei der Krankenkasse ein, bekommt sie unter Umständen die geleisteten Stunden nicht bezahlt. Die Regeln, wie ein Rezept ausgestellt werden muss, werden dabei von Ärzte- und Krankenkassenverbänden festgelegt und ändern sich laut Wendler ständig.

Zum 30. November dieses Jahres gibt die 36-Jährige ihre Logopädie-Praxis auf, die sie vor zehn Jahren in Grünhagen eröffnet hatte. Vom Start weg hat sie nie mit Patientenmangel zu kämpfen gehabt. Eher im Gegenteil: Die aktuelle Warteliste ist mehr als ein Jahr lang. Zuletzt habe sie die Therapie von Patienten begonnen, die seit Juni 2019 darauf warten, berichtet Wendler: „Es gab auch schlechte Zeiten, in denen ich nur zwei oder drei auf der Warteliste hatte.“

Viel Bürokratie, schlechte Bezahlung

Dass sie die Praxis nun dennoch aufgibt, habe „nichts mit Corona zu tun“, betont Wendler. Denn den Gedanken daran trägt sie schon länger in sich. Bereits vor vier Jahren begann sie berufsbegleitend eine Ausbildung zur Tierheilpraktikerin. Seit anderthalb Jahren hat sie einen passenden Hof in Schleswig-Holstein gesucht – und mittlerweile gefunden. Dort hatte sie gelebt, bevor sie vor zehn Jahren nach Grünhagen kam, um die Praxis zu eröffnen.

Die Basis für ihre Entscheidung ist neben dem regelmäßigen Ärger wegen falsch ausgestellter Rezepte die schlechte Bezahlung. Denn trotz dreijähriger Ausbildung und zahlreicher Fortbildungen liege der Stundenlohn bei lediglich 17,50 Euro. „Man muss sich fortbilden, aber es gibt keine Möglichkeit, mehr Geld zu verdienen“, moniert die Grünhagenerin. „Ich bin schon am oberen Ende der Karriereleiter.“

Das sei ein Grund dafür, weshalb sie keinen Nachfolger für ihre Praxis gefunden hat, meint Katja Wendler. „Keiner will mehr Logopäde werden, überall suchen die Praxen nach Mitarbeitern.“ Sie erzählt von einer Umfrage von Master-Studenten, an der sie im vergangenen Jahr teilgenommen hatte. Dabei sei auch die Berufsflucht unter Logopäden thematisiert worden. „Das Ergebnis war, dass 50 Prozent der deutschen Logopäden darüber nachdenken, den Beruf zu wechseln.“

Auch wenn die Corona-Pandemie letztlich nicht ausschlaggebend war, so hat sie Katja Wendler dennoch in ihrer Entscheidung bestärkt. Wie Ärzte bekommen auch Logopäden Geld für den Hygiene-Mehraufwand, der wegen der Corona-Regeln anfällt. „Ich kriege 1,50 Euro pro Zehner-Rezept, also 15 Cent pro Sitzung – ein Arzt bekommt 15 Euro pro Sitzung“, schimpft Wendler.

System nimmt Freude am Beruf

Für dieses Geld muss sie Masken und Desinfektionsmittel kaufen, einen Spuckschutz in der Praxis installieren und die zusätzliche Arbeitszeit, die beim Desinfizieren entsteht, soll damit auch abgegolten sein.

„Ich liebe meinen Job und die Arbeit mit den Patienten“, sagt Wendler. Doch sie hat das Gefühl, dass es ihr seitens des Gesundheitssystems unmöglich gemacht wird, den Beruf auszuüben, ohne dabei nervlich und finanziell zugrunde zu gehen. Das System werde zusammenbrechen, sollte sich nichts ändern, ist Katja Wendler überzeugt. Für sie persönlich ist das Fass schon längst übergelaufen. VON FLORIAN BEYE

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