Bienenbüttels Gemeindebrandmeister Dirk Giere über Nachwuchs, Altersgrenze und Rücksichtslosigkeit

Feuerwehr muss mit der Zeit gehen

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Einsätze der Bienenbütteler Feuerwehren im Uhrzeigersinn: Löscheinsatz an einem Reetdachhaus in Hohenbostel, Kampf gegen einen Ölteppich auf dem Kanal, Schneebruch und Bäume auf der B 4 nach dem jüngsten Sturm.

Bienenbüttel/Bargdorf. Sie löschen Brände, befreien Autofahrer aus ihren Autos, räumen Bäume von den Straßen: 352 Feuerwehrleute leisten in zehn Ortswehren der Gemeinde Bienenbüttel den Dienst am Nächsten. Jetzt gibt es einen neuen Gemeindebrandmeister.

Dirk Giere (55) aus Bargdorf, Chef einer Uelzener Werbefirma, berichtet im Gespräch mit Redakteur Gerhard Sternitzke über Nachwuchsgewinnung, die Anhebung der Altersgrenze und die Rücksichtslosigkeit mancher Autofahrer.

Interview

Herr Giere, Ihre Firma macht Werbung. Wollen Sie verstärkt um Nachwuchs werben?

Verstärkt würde ich in Klammern setzen. Es wird verstärkt um Nachwuchs geworben.

Es gibt Wehren, die kaum junge Feuerwehrleute finden, so auch in Bargdorf. Was sind die Gründe?

Das ist sehr vielschichtig. Bei uns in Bargdorf sind jetzt gerade drei Leute eingetreten. Junge Leute gehen zum Studieren oder für eine Ausbildung aus dem Dorf weg. Die Konkurrenz ist zudem hoch, was die Freizeitgestaltung angeht. Und die Anforderungen im Beruf sind hoch. Die Leute müssen pendeln. Die Alterspyramide spielt mit hinein.

Können die Wehren nicht Neubürger gewinnen?

Die Ortsbrandmeister sprechen diese Leute an, aber dann kommen die Argumente: „Ich muss jeden Tag fahren. Ich habe keine Zeit.“ Und man muss auch Ausbildungen machen. Und das schreckt manche ab. Ich will es auch nicht ganz so schwarz malen. In manchen Ortschaften konnten junge Leute gewonnen werden. Man muss aber immer am Ball bleiben.

Womit kann man junge Leute begeistern?

Nichts geht über den persönlichen Kontakt, indem man deutlich macht: Man kann helfen. Man hat eine gemeinsame Aufgabe. Man hat Erfolgserlebnisse.

Muss sich Feuerwehr vielleicht auch verändern?

Natürlich muss sie mit der Zeit gehen. Die neuen Medien, die sozialen Netzwerke gehören dazu. Termine geben wir über Whatsapp bekannt. Der Feuerwehrball hat sich im Grunde erledigt. Da geht kein junger Mensch hin.

In Bienenbüttel gibt es jetzt alters- und geschlechtsgemischte Gruppen. Wie sind die Erfahrungen damit?

Häufig wird eine Gruppe, die sich einmal gefunden hat, homogen älter. Besser ist es, wenn Junge und Alte in einer Gruppe sind, weil die Alten die Erfahrung mitbringen und die Jungen vielleicht agiler sind. Das hat sich eingespielt.

Was bringt die geplante Heraufsetzung der Altersgrenze von 63 auf 67?

Die Erfahrung, die die Älteren mitbringen, ist unbezahlbar. Und man will damit die Einsatzbereitschaft bei Tage sichern.

Besteht nicht die Gefahr, das Ältere körperlich überfordert werden?

Jeder Feuerwehrmann und die Führungskräfte sind gehalten zu beurteilen, wer welchen Einsatz übernehmen kann.

Alle Wehren in der Gemeinde haben jetzt ein vernünftiges Gebäude. Wie steht es bei den Fahrzeugen?

In den nächsten sechs Jahren, denke ich, müsste überlegt werden, drei bis vier Fahrzeuge, davon mindestens ein Großfahrzeug zu ersetzen.

Welche Rolle spielen moderne Baustoffe bei Wohnungsbränden?

Eine große Gefahr an modernen Dämmstoffen ist, dass sie brennend abtropfen. Bei der Außendämmung besteht die Gefahr, dass ein Brand sich ausbreitet.

Wie stellen Sie sich auf eine Zunahme von Extremwetterlagen ein?

Die technischen Mittel sind da. Wenn das tagsüber passiert, haben wir das Problem, Personal zur Einsatzstelle zu bekommen. Deshalb sind Züge gebildet worden, so dass gleich drei bis vier Ortswehren zusammen anfahren.

Haben Sie auch Probleme mit Schaulustigen?

Neugier ist normal. Es fehlt manchmal der gesunde Menschenverstand, der Anstand. Es kann niemandem einfallen, mit seinem Smartphone ein Unfallopfer zu fotografieren. Für mich ist aber die Ungeduld und Rücksichtslosigkeit von Verkehrsteilnehmern an Unfallstellen noch schlimmer. Da kommt es zu Wortgefechten, zu Uneinsichtigkeiten. Man erlebt auch das Gegenteil, die totale Hilfsbereitschaft von Nachbarn.

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