Buchhandlung Patz erinnert mit Lesereihe an von Nazis getötete Autorinnen

Ermordet und vergessen

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Im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wurden von den Nationalsozialisten etwa 1,1 Millionen Menschen ermordet. Die jüdische Autorin Else Ury ist eines der Opfer des Holocaust. 

Bienenbüttel – „Ich habe keine Zeit gehabt, zu Ende zu schreiben. “ Das sind die letzten Worte, die die Lyrikerin Selma Merbaum 1942 zu Papier brachte, bevor sie starb. Ermordet wie 5,6 Millionen weitere Juden von den Nationalsozialisten während des Zweiten Weltkrieges.

Marion Tauschwitz, Biografin von Selma Merbaum

Die 18-jährige Jüdin starb im Arbeitslager Michailowka in der Ukraine vermutlich an Fleckfieber. Hinterlassen hat sie den Gedichtband „Blütenlese“, der mittlerweile zur Weltliteratur gezählt wird. Das Leben der Autorin, die nur 57 handschriftliche Gedichte hinterlassen konnte, ist Thema einer Lesung am Freitag, 8. Februar, um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Patz in Bienenbüttel. Dann liest Marion Tauschwitz aus ihrer Biografie über Selma Merbaum, die als Teil der deutschsprachigen Minderheit im westukrainischen Czernowitz in der Bukowina aufgewachsen ist.

„Wir wollen, was in Vergessenheit geraten ist, wieder sichtbar machen“, sagt Anne-Grete Patz. Daher hätten sich sie und ihr Mann dazu entschieden, in diesem Frühjahr eine Lesereihe über Autorinnen zu starten, die von den Nazis ermordet wurden. Es sei ihr schon immer ein Anliegen gewesen, auf die Menschen zu schauen, die etwas geschrieben haben und in den Konzentrationslagern ums Leben gekommen sind. „Das ist ein politisch brandaktuelles Thema, wenn man bedenkt, dass es politische Parteien gibt, die den Holocaust am liebsten vergessen wollen oder sogar verleugnen“, sagt die Buchhändlerin.

Neben dem Auftakt sind noch zwei weitere Lesungen für Ende März oder Anfang April und im Mai geplant. Diese Lesungen behandeln das Leben der beiden jüdischen Autorinnen Lili Grün und Else Ury.

Die 28-jährige Lili Grün wurde im Vernichtungslager Maly Trostinec im heutigen Weißrussland ermordet und dort in einem Massengrab verscharrt. Die Wienerin war vor dem Anschluss Österreichs eine angesehene Autorin, die mehrere Romane veröffentlicht hatte und für Buchpreise nominiert wurde.

Else Ury ist laut Detlev Patz vor allem älteren Generationen noch ein Begriff. Die Berlinerin war die Autorin der Kinderbuchreihe „Nesthäkchen“. Sie war während der Wilhelminischen Zeit und der Weimarer Republik eine hochangesehene Autorin, die unter dem Regime der Nationalsozialisten entrechtet, deportiert und im Vernichtungslager Auschwitz mit 65 Jahren ermordet wurde.

VON LARS LOHMANN

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