Einkauf in gespenstischer Ruhe

Alltag bei Meike Holzenkämpfer in Neuseeland: Sie und ihre Familie erlebten das Erdbeben mit; während Sohn Lennart (6) alles ganz spannend findet, steckt Mutter Meike, Papa Andreas und der anderthalbjährigen Johanna der Schreck in den Knochen.

ib Bienenbüttel/Christchurch. Seit Februar lebt Meike Holzenkämpfer aus Bienenbüttel mit ihrem Mann Andreas Willig und den beiden Kindern Lennart (6) und Johanna (fast 2) in Christchurch in Neuseeland. Ihr Mann hat an der dortigen Universität einen Lehrauftrag, Meike Holzenkämpfer arbeitet dort als Naturstoffchemikerin. Die Bienenbüttelerin und ihre Familie haben das Erdbeben am Wochenende unversehrt überstanden, doch der Schreck sitzt ihnen tief in den Knochen. „Wir telefonieren derzeit zweimal täglich miteinander“, sagt Vater Dieter Holzenkämpfer in Bienenbüttel. In E-Mails an ihn und Ehefrau Gisela schildert die Tochter, wie sie und ihre Familie das Erdbeben erlebt haben:

„Wir wussten ja, dass so etwas auf uns zukommen könnte, aber als es dann soweit war... Heute Nacht um 4.35 Uhr hat es ein Erdbeben gegeben“, schreibt Meike Holzenkämpfer am frühen Samstagmorgen an ihre Eltern in Bienenbüttel. „Wir sind von einem sehr heftigen Wackeln/Schütteln/Beben wach geworden und nachdem klar war, es ist ein Erdbeben, habe ich schnell die Decke über Lennart (der schon vor dem Beben zu uns gekommen war) und mich gezogen, damit die Bücher aus dem Regal neben dem Bett nicht auf uns fallen. Nach relativ kurzer Zeit war das Beben zu Ende und ich bin zu Johanna und habe sie zu uns geholt. Während des Bebens habe ich mir nicht vorstellen können, ohne zu fallen laufen zu können, aber ich hätte auch nie gedacht, dass es tatsächlich 7,4 auf der Richterskala waren. Ein Beben bei dieser Stärke hätte ich mir dann doch schlimmer vor gestellt.“

Kurz nach dem Beben folgte der Stromausfall. „Wir sind nicht auf die Straße gegangen, aber unsere Nachbarin Aqsa kam nach ca. 30 Minuten zu uns rüber und war völlig mit den Nerven herunter“, schildert Meike Holzenkämpfer. Für Lennart und Andreas war die Nacht dann zu Ende, Johanna und ich konnten noch ein bisschen schlafen, eines von den stärkeren Nachbeben (5,2) um 8 Uhr morgens hat uns dann allerdings ganz geweckt, so dass auch wir aufstanden. Strom gab es wieder um 11.30 Uhr.“

Über ein batteriebetriebenes Radio konnte die Familie sich informieren, „wie schlimm das Beben letztendlich war und wie viel Glück wir doch gehabt haben“. Während die Innenstadt von Christchurch evakuiert wurde, waren bei Meike Holzenkämpfer nur ein paar Sachen aus den Regalen gefallen. „Die braune Kommode ist umgekippt (...) und wir haben ein paar Risse in den Wänden. Wenn man bedenkt, wie stark alles geschwankt hat, finde ich das beeindruckend wenig (...). Wenn man sich ein paar Risse in der Garage allerdings ansieht, bekommt man doch ein mulmiges Gefühl.“

Den Sonnabend hat die Familie „wie in Watte gefasst“ hinter sich gebracht, schreibt Meike Holzenkämpfer. Man habe sich nicht aus dem Haus bzw. weiter als zum nächstgelegenen Supermarkt fortbewegt. „Der Supermarkt hatte auch nur ‘halb’ geöffnet“, so Meike Holzenkämpfer. „Die haben einfach ein paar Tische vor den Supermarkt gestellt und die wichtigsten Dinge verkauft. Das Chaos drinnen war einfach zu groß – allein die ganzen Flaschen, die kaputt gegangen waren – und zum anderen müssen die Gebäude zum Teil auch erst wieder für die Allgemeinheit freigegeben werden. Durch den Supermarkt zieht sich jetzt ein heftiger Riss im Fußboden.“

Während eines Besuchs bei Bekannten in Christchurch am Sonntag wurde der Familie dann das ganze Ausmaß der Katastrophe vor Augen geführt. „Es war schon erschreckend zu sehen, wie viele Schornsteine in die Dächer gefallen sind und auch wie viele Mauern es zerlegt hat. Ich bin mir ganz sicher, wenn das Erdbeben am Tag gewesen wäre, hätte es mehr Verletzte gegeben.“

Während Meike Holzenkämpfer und ihre Familie mit dem Schrecken davon gekommen sind, hat es ihre Nachbarin schon etwas mehr erwischt. „Wir alle haben Strom zurück und auch Wasser funktioniert“, schildert Meike Holzenkämpfer, „nur bei ihr will das Wasser einfach nicht aus dem Wasserhahn kommen. Sie und die Kinder duschen jetzt immer reihum bei uns Nachbarn.“

Zwar gibt es sehr viele Nachbeben, aber von einem weiteren großen Nachbeben sind die Neuseeländer verschont geblieben. „Wir reagieren eigentlich nur noch, wenn das Beben sehr heftig war oder länger anhält. Da wir außer den Nachbeben eigentlich nur noch am Wasserabkochen bemerken, dass wir ein großes Erdbeben hatten, möchte man jetzt eigentlich zum täglichen Leben zurück- kehren.“ Doch Schule und Kindergarten sind vorübergehend geschlossen. Auch an der Uni, dem Arbeitsplatz der Wahl-Christchurcher, werden voraussichtlich die ganze Woche über Aufräumarbeiten anstehen.

„Gespenstisch war mein Einkauf gestern im größeren Supermarkt hier im Stadtteil“, schreibt Meike Holzenkämpfer am Montag ihren Eltern. „Erst war ich tanken und musste mich in eine Schlange einordnen! Dann habe ich in unserem sehr großen Supermarkt gerade noch so den letzten Einkaufswagen ergattern können und habe mich dann von den Massen durch den Markt schieben lassen. Merkwürdig war die Stimmung. Die Leute waren guter Dinge, unterhielten sich viel mit ihren Mitmenschen, aber alles sehr leise und gedämpft. Noch nie habe ich so viele Leute in einer alltäglichen Situation erlebt und dabei so ruhig.“

Ein mulmiges Gefühl haben Meike Holzenkämpfer und ihr Mann vor dem ersten Gang in die Uni – vieles soll dort zerstört worden sein. „Nun ja“, schreibt sie, „Dinge kann man ersetzen und dass es nur einen Toten gegeben hat, der an einem Herzinfarkt gestorben ist, dafür kann man wirklich dankbar sein.“

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