Fadime Osmani erzählt im Dorfgespräch, wie sie sich als Deutsch-Türkin von ihrer Familie emanzipierte

Eine Frau erkämpft ihre Freiheit

Fadime Osmani (55), Besitzerin eines Schönheitssalons in Bienenbüttel, erzählt beim gepflegten Dorfgespräch von dramatischen Szenen. Ihre Familie wollte, dass sie einen ihr bestimmten Mann in der türkischen Heimat heiratet. Foto: Sternitzke
+
Fadime Osmani (55), Besitzerin eines Schönheitssalons in Bienenbüttel, erzählt beim gepflegten Dorfgespräch von dramatischen Szenen. Ihre Familie wollte, dass sie einen ihr bestimmten Mann in der türkischen Heimat heiratet.

Bienenbüttel. Die Kunden lieben sie: Ob bei der Fußpflege oder beim Nageldesign, Fadime Osmani hat immer ein nettes Wort parat und strahlt Lebensfreude aus. Bei einem Glas Sekt mit einer Lieblingskundin lässt die 55-Jährige gern den Tag ausklingen.

Moderator Björn Pamperin, selbst Kunde, stellt die gebürtige Türkin mit deutschem Pass beim jüngsten Dorfgespräch in der Markthalle am vergangenen Dienstagabend auch als ein Beispiel für gelungene Integration vor. Doch ihre Freiheit, nach den eigenen Vorstellungen zu leben, musste sich Fadime Osmani erst erkämpfen, dramatische Szenen und Todesangst inbegriffen.

Im Leben der Nageldesignerin spiegelt sich auch die Geschichte türkischer Gastarbeiter in Deutschland wieder. Fadime Osmani wird in einem kleinen Dorf in der Türkei geboren. 1969 geht die Mutter nach Deutschland. Eine Kartonfabrik in Rodenberg am Deister sucht dringend Arbeitskräfte. „Wir sind nach Hause gekommen, da war unsere Mutter weg. Kein Abschied“, erzählt Fadime Osmani, die plötzlich mit den Tränen kämpft. „Im Heimurlaub erzählt die Gastarbeiterin ihren Kindern, Deutschland sei ein Land voller Blumen.

1973 folgt die Familie ins gelobte Land. Für die Elfjährige ein Kulturschock. In der Grundschule – Fadime spricht kein Wort Deutsch – verpasst sie zwei Kindern, die sich öffentlich küssen, Ohrfeigen. Eine Lehrerin kümmert sich um das Gastarbeiterkind. Sie nimmt Fadime regelmäßig mit nach Hause und bringt ihr Deutsch bei. „Diese Lehrerin hat mir Wege geöffnet“, sagt Fadime Osmani. „Ich finde, man kann nicht von anderen Menschen Integration verlangen, wenn man ihnen nicht zeigt, wie Integration geht.“

Mit der Sprache ist es aber nicht getan, obwohl Fadime auch eine Berufsausbildung als Bekleidungsfertigerin macht – denn in der Familie gelten noch die Gesetze der Heimat. Das Glück mit dem italienischen Freund, den sie beim Jobben in einer Eisdiele kennenlernt, währt nur kurz. Als Fadime Osmani ihren Eltern mitteilt, wen sie heiraten will, schreitet der Vater zur grausamen Verteidigung der Familienehre – und den Zuhörern in der Markthalle stockt der Atem: „Meine Eltern zogen mich an den Haaren die Treppe hoch, und mein Bruder wurde geschickt, den Strick aus dem Keller zu holen“, erzählt die sonst immer heitere Nageldesignerin und kämpft noch einmal mit den Tränen. Die Polizei holt sie und ihre Schwester raus. In einem Krankenhaus und später auf einem Campingplatz halten sie sich versteckt.

Von einem Anruf der Eltern lässt sich Fadime doch erweichen. Noch nie hat der Vater geweint. Sie kehrt zur Familie zurück, sogar ein Termin für den Heiratsantrag ihres italienischen Freundes wird vereinbart. Doch das Angebot ist eine Finte. Eine bedrohliche Truppe fremder Männer erwartet ihn auf der Sitzgarnitur. Wochenlang wird er immer wieder auch in der Eisdiele bedroht. Seine Braut schickt ihn nach Hause und sich selbst in das vorbestimmte Leben einer Türkin. In ihrem Heimatdorf heiratet sie einen ihr vorher unbekannten Mann.

„Sie leben zwar in Deutschland oder Europa, aber in ihren vier Wänden leben sie ihre eigene Kultur“, warnt die Deutsch-Türkin. Sie selbst hat ihren Frieden gefunden. Sie liebt ihre Arbeit, ihr Hobby ist der eigene Garten. Ihre Kinder aus erster Ehe und ihr Enkelkind trifft sie bei regelmäßigen Urlauben in der Türkei. Der dritte Sohn wächst in Bienenbüttel in Freiheit auf. „Das ist jetzt meine Heimat“, sagt Fadime Osmani. „Für mich gibt es keine Grenzen.“

Von Gerhard Sternitzke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare