Niendorfer Jäger gelingt Aufnahme von Wolf – und fordert Änderung des Jagdrechts

„Ein Kind ist wie ein Stück Beute“

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Auch in der Region Bienenbüttel hat sich ein Wolf angesiedelt, wie das Bild aus einer Wildkamera des Niendorfer Jägers Stephan Kühl dokumentiert.

Niendorf/Bienenbüttel. Er hat nicht einmal etwas gemerkt. Östlich von Bienenbüttel klickte jetzt eine automatische Kamera, als Isegrim auf einer Lichtung am Boden schnupperte. Vielleicht nahm er gerade die Witterung von Rehen oder Wildschweinen auf.

Damit bestätigt sich für den Niendorfer Jäger Stephan Kühl, der die Kamera zur Wildbeobachtung aufgestellt hat, die Vermutung, dass der Wolf längst auch in den Gemarkungen Bienenbüttel, Niendorf, Hohnstorf und Hohenbostel unterwegs ist.

„Gerade das Rehwild ist sehr scheu geworden“, hat der 40-jährige Waidmann seit Oktober beobachtet. Die Beutetiere ziehen sich zunehmend in den Schutz der Wälder zurück, sind ständig auf der Hut. Am Ortsrand von Bienenbüttel sollen Bewohner Isegrim in 100 Metern Entfernung von der eigenen Terrasse gesehen haben. Auch bei Grünhagen und Bruchtorf gab es Sichtungen. Der dortige Jagdpächter berichtet, dass Bewohner aus dem Feriendorf Isegrim live bei der Jagd zuschauen konnten. Bei Wulfstorf wurde in der Weihnachtszeit ein Schaf gerissen, das einem Wanderschäfer ausgebüxt war. Da es nicht in der Einzäunung zu Tode kam, taucht es in der vom Land geführten Statistik nicht auf, betont Kühl.

„Der Wolf kommt viel schneller, als wir alle gedacht haben“, räumte am Donnerstag laut Deutscher Presseagentur (dpa) auch Niedersachsens Umwelt-Staatssekretärin Almut Kottwitz ein. Nach Einschätzung des Umweltministeriums wird der Wolf sich bis Jahresende in ganz Niedersachsen ausgebreitet haben.

Der Bienenbütteler Wolf, der noch auf zwei weiteren Schnappschüssen schemenhaft dokumentiert ist, trägt einen auffälligen Fleck auf der Schulter. Vermutlich handelt es sich um einen einzelnen Rüden, der sein Rudel verlassen musste. Die Stimmung unter den Jägern ist geteilt. Stephan Kühl gehört zu denen, die die Rückkehr des ausgerotteten und streng geschützten Raubtiers durchaus begrüßen. Allerdings macht er sich dennoch Sorgen. In der Nähe von Siedlungen, ist der Waidmann überzeugt, hat der Wolf nichts zu suchen: „Es wird immer gesagt, der Wolf ist ängstlich. Er wird verharmlost.“

Deshalb müsse das Jagdrecht geändert werden, findet Kühl: „Es müsste die Möglichkeit geben, wenn Wölfe zu dicht an Siedlungen kommen - unter 100 Meter – dass wir eingreifen dürfen.“

Etwa mit Schüssen in die Luft. Bislang ist es ausdrücklich verboten dem Wolf „nachzustellen“. „Da sind uns total die Hände gebunden.“ Kühl rät den Bewohnern im Wolfsgebiet, Kinder nicht mehr unbeaufsichtigt in den Wald zu lassen und Hunde anzuleinen. Auch Tränengas könne im Ernstfall helfen: „So ein Kind ist wie ein Stück Beute, wenn der Wolf keine Scheu hat.“

Lesermeinungen zu diesem Artikel

"Den Wolf in Frieden lassen"

"Jäger binden uns Bären auf"

"Den Wolf in Ruhe lassen"

Die Diskussion über Wölfe, die die Scheu vor dem Menschen verlieren, wurde jüngst durch den Bürgermeister der Gemeinde Goldenstedt bei Vechta befeuert. Dieser hatte das Umweltministerium um Rat gebeten, ob er den dortigen Waldkindergarten einzäunen lassen sollte. Am Donnerstag besuchte Staatssekretärin Kottwitz den besorgten Bürgermeister. Sie wiederholte, Wölfe seien von Natur aus eher scheu und würden von sich aus keine Menschen angreifen. Verhaltensauffällige Wölfe müssten beseitigt werden. Das sei in Goldenstedt aber nicht der Fall. Bürgermeister Willibald Meyer war anderer Ansicht: „Der Wolf gehört hier nicht hin.“

Offenbar war sich auch die Staatssekretärin ihrer Sache nicht ganz sicher. Laut dpa sagte Almut Kottitz, sie könne nicht für die Sicherheit der Kinder garantieren. Sie gehe aber davon aus, dass der Wolf von einem speziellen Lappenzaun abgehalten werde, das Gelände zu betreten.

Von Gerhard Sternitzke

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