Eine Lüneburger Ausstellung beschäftigt sich mit NS-Raubkunst im eigenen Bestand

Dunkle Ecken im Museum

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Raubkunst im Museum: Nachfahren der jüdischen Familie Heinemann bei der Übergabe der Familienbibel.

Lüneburg. Wie kommen eigentlich die Ausstellungsstücke ins Museum? Das ist eine Frage, über die Besucher selten etwas erfahren. Je nach Zweck einer Schau stellen Museumsleute Objekte aus dem Fundus zusammen, deren Herkunft ihnen selbst häufig nicht bekannt ist.

Bilder aus alten Tagen: Das frühere Museum in Lüneburg.

Manche Stücke allerdings haben eine dunkle Vergangenheit: Sie wurden Juden im Dritten Reich geraubt oder unter dem Druck der Verfolgung weit unter Preis abgekauft. Um solche NS-Raubkunst geht es in einer Ausstellung im Museum Lüneburg, die am Donnerstag, 25. Januar, um 18.30 Uhr eröffnet wird.

Anneke de Rudder

„Wir alle profitieren von diesem großen Raub“, sagt Anneke de Rudder, die seit 2014 gezielt nach Raubkunst gefahndet hat – und fündig geworden ist. Etwa 30 Objekte aus dem Besitz Lüneburger Juden machte die 50-jährige Bevenser Historikerin im Rahmen ihrer vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderten Recherchen ausfindig. Das ist etwa ein Prozent des Bestands.

Hirsch Lengel

Hinter den Museumsstücken – das zeigt Anneke de Rudder – stecken Schicksale. Zwei Damasttücher des 18. Jahrhunderts mit biblischen Motiven etwa kauft das damalige Museum für das Fürstentum Lüneburg 1937 zum Preis von neun Mark an. Verkäufer war der Lüneburger Trödelhändler Hirsch Lengel, weiß die Historikerin: „Der war in einer finsteren Situation, dass sein Laden geschlossen werden sollte.“ Er verkaufte offenbar unter Preis. Der Händler sowie vier seiner sieben Kinder kamen später in verschiedenen Konzentrationslagern um.

Marcus Heinemann

Der Lüneburger Museumsverein beließ es nicht bei der Erforschung, sondern gab die Tücher 2017 feierlich an die Nachfahren zurück. Diese entschieden sich, sie als Leihgaben dem Museum zu überlassen. Ebenso verfuhren die Nachkommen des jüdischen Bankiers Marcus Heinemann. Dieser war ein großer Förderer des Museums gewesen, aber bereits 1908 verstorben. Vor der Auktion des nach damaliger Terminologie „nichtarischen“ Haushalts an der Bäckerstraße hatte sich das Museum 1940 wertvolle Stücke gesichert. „Wir sind auch bereit, weitere Dinge zurückzugeben“, kündigt Anneke de Rudder an.

Ein Karteikasten im Museum Lüneburg.

Vielleicht habe Museumsdirektor Wilhelm Reinecke nicht gewusst, dass er unter Preis einkaufte, räumt die Historikerin ein. Der Historiker, der 1937 in die NSDAP eintrat, sei Mitläufer gewesen. Einfluss auf seine Ausstellungen habe die NS-Ideologie nicht gehabt, wohl aber habe er sich in Reden des „Blut-und-Boden“-Vokabulars bedient. 1934 wurde Reinecke seiner Ämter als Leiter der Ratsbücherei und des Stadtarchivs vorübergehend enthoben, weil er es gewagt hatte, in seiner „Geschichte der Stadt Lüneburg“ vorzuschlagen, „alteingesessene“ Juden von der Vernichtung auszunehmen.

• „Noch einmal nach der Herkunft fragen“, bis 4. März.

Von Gerhard Sternitzke

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