Dieter Schweer aus Hohnstorf fordert sachlichen Dialog zum Thema Wolf

Leben und leben lassen

Mutterkuhhalter Dieter Schweer steht neben seinen Kühen auf der Weide
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Dieter Schweer aus Hohnstorf hat eine neue Pro-Contra-Initiative zum Wolf gegründet. Er fordert einen sachlichen Dialog jenseits aller gängigen Polemik – ob von Gegnern oder Befürwortern.

 Die Silhouette eines heulenden Wolfs ragt über den Umrissen von Häusern auf – in Schwarz, der Hintergrund ist dagegen blutrot gehalten. Begleitet wird das Szenario durch folgende Worte: „Rotkäppchen soll leben – hier lebe ich!“

Hohnstorf - Plakate in beschriebener Gestaltung sind seit kurzer Zeit in einigen Ortschaften der Gemeinde Bienenbüttel zu finden. Urheber ist Dieter Schweer, der auch die gleichnamige Website www.rotkaeppchen-soll-leben.de betreibt. „Ich bin nicht gegen den Wolf. Ich möchte mit dieser Aufmachung einen Effekt erzielen und Leute anlocken“, erläutert der Hohnstorfer gegenüber der AZ.

Auf der Website selbst wird die Absicht erst nach aufmerksamen Lesens des Inhalts klar. Dieter Schweer strebt eine sachliche Diskussion zum Umgang mit dem seit einigen Jahren wieder in Deutschland heimischen Raubtier an. „Dass der Wolf hier leben darf, darüber brauchen wir nicht diskutieren. Wir brauchen aber Obergrenzen, wie es beispielsweise in Schweden eine gibt“, sagt der praktizierende Jäger. Ein Problem dabei sei das EU-Recht, über das der Wolf besonders geschützt sei. „Da müssen sich zuvor aber erst die deutschen Ministerien einig sein“, findet Schweer. Nach seiner Ansicht blockieren sich beispielsweise die Ministerien für Umwelt und Landwirtschaft gegenseitig, was vor allem an der unterschiedlichen politischen Besetzung liege.

„Hier lebe ich!“, steht auf dem Banner der neuen Initiative. Doch das sagt nicht etwa das Rotkäppchen. Dieter Schweer legt diese Worte Isegrim ins Maul und unterstreicht damit das Lebensrecht des Rückkehrers. „Ich habe ihn direkt vor der Haustür, abends höre ich ihn am Bach unten heulen“, erklärt er seine Inspiration für das gewählte Design.

Neben einer ausführlichen Beschreibung des Verhaltens eines Wolfsrudels, bestehend aus den Absätzen „Die Wolfsfamilie“ sowie „Der Wolf und sein Revier“, finden sich auf dem Online-Auftritt auch ein paar Sätze zum Wolfsmanagement. Dort bezeichnet der Mutterkuhhalter die Rückkehr des Wolfs als Erfolgsgeschichte des Artenschutzes –die allerdings durch Konflikte begleitet werde. Diese gelte es zu minimieren.

Die Idee zu dieser Pro-Contra-Initiative habe Schweer Anfang des Jahres gehabt. „Ich bekam in letzter Zeit vermehrt besorgte Anrufe über Wolfssichtungen, gefundene Knochen oder Tierteile“, so der Hohnstorfer Jagdpächter. „Da musste ich die Leute beruhigen, das gehört nun mal dazu, wenn der Wolf hier lebt.“

Das sagt Umweltminister Olaf Lies zur Initiative

Der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies (SPD) würdigte gestern bei seinem Besuch der AZ das Engagement in Hohnstorf: „Wir hatten 2010 den ersten Wolf und dann das erste Rudel. Ende 2017, als ich Minister geworden bin, waren es zehn Rudel, jetzt sind es 38 mit 350 bis 380 Tieren. Eine unglaubliche Geschwindigkeit! Damit nimmt natürlich auch die Risszahl zu. Das macht den Menschen, die in den Wald gehen wollen und Nahbegegnungen befürchten müssen, Sorgen. Deshalb ist das Thema Information und Aufklärung – nicht Schön- oder Schlechtreden – genau das, was wir brauchen. Jede Form von kritischer Auseinandersetzung und Versachlichung ist richtig wie wichtig. Denn der größte Teil der Bevölkerung sagt: Ihr seid die Politik, liefert mir eine Lösung, wie ein Nebeneinander von Wolf, Weidetierhaltung und Mensch möglich ist.“

Der Wolf an sich sei kein Problem, sondern dass jetzt die zweite Phase der Rudelbildung beginne. „Die jungen Wölfe verlassen ihre Familie und suchen sich ein eigenes Revier. Diese werden zwangsläufig kleiner“, zeigt Schweer auf. „Doch wir müssen weg von der Polemik.“ Ihn störe in erster Linie das Wort Blutrausch in diesem Zusammenhang mit Nutztierrissen. „Das ist einfach Blödsinn. Ein Wolf reißt auf Vorrat und frisst sich an mehreren Tagen an seiner Beute satt.“ Das Problem sei hierbei, dass die Menschen die Kadaver am nächsten Morgen wegräumen. „Dann geht der Wolf wieder auf die Suche“, sagt der Naturschützer.

Im nächsten Schritt möchte Dieter Schweer nun die verschiedenen Initiativen im angestrebten sachlichen Dialog zusammenführen. Auch zum Nabu habe er gute Kontakte durch verschiedene Artenschutzprojekte auf seinem eigenen Hof.

In einer kurzen Form findet sich das namengebende Märchen vom Rotkäppchen ebenfalls auf der Website. „Ich weiß noch, wie mir das früher vorgelesen wurde“, sagt Dieter Schweer und spielt auf das ursprünglich brutale Ende des „bösen“ Wolfs an. „Das wollte ich nicht.“ So werden hier Rotkäppchen und seine Großmutter unversehrt aus dem Raubtier geschüttelt und dieses dann vertrieben. Bei Dieter Schweer darf der Wolf überleben.

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