Ein Jahr nach EHEC: Der Steddorfer Gärtnerhof erholt sich nur langsam von den Folgen

„Das Leben muss weitergehen“

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Bienenbüttel-Steddorf. Still ist es über Steddorf. In der Luft mischt sich würziges Landaroma mit dem süßen Duft der Rapsfelder und weht warm herüber. Ein paar Häuser die Straße hoch heult eine Bandsäge auf, in den Baumkronen jagen sich die Amseln durchs Geäst.

Dann ist es wieder still am Fichtenweg. So still, dass man sich kaum mehr vorstellen kann, dass hier vor knapp einem Jahr das Chaos los-brach und Fachleute und Journalisten über Steddorf herfielen – als nämlich der Gärtnerhof in dem kleinen Bienenbütteler Ortsteil zur Quelle der Tod bringenden EHEC-Welle erklärt worden war.

Wenn auch auf den ersten Blick nicht äußerlich sichtbar, so haben die Geschehnisse doch im Innern des Biobetriebes ihre Spuren hinterlassen. Interview-Anfragen der AZ ignorieren die Gärtnerhof-Betreiber Klaus Verbeck und Uta Kaltenbach. Im Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa sagt Verbeck aber: „Persönlich geht es uns wieder besser – das ist jetzt fast ein Jahr her, und es ist bei uns ja auch nichts gefunden worden. Das Leben muss weitergehen.“ Doch die Prioritäten hätten sich verändert, sagt er. Das Wirtschaftliche spiele eine wesentlich geringere Rolle als früher. „Das kann einem – anders als Freundschaften – schnell genommen werden.“

Nach Erkenntnissen der Behörden sollen Sprossensamen aus Ägypten vor einem Jahr Auslöser für die EHEC-Epidemie gewesen ein. 53 Menschen starben an den Folgen der EHEC-Infektion. Für das Niedersächsische Landwirtschaftsministerium in Hannover war aufgrund der epidemiologischen Indizienkette bald klar, dass der Steddorfer Biohof die Quelle der Seuche ist. „Es konnten Verbindungen zwischen dem Betrieb und allen wesentlichen Ausbruchsherden hergestellt werden“, sagte Landwirtschaftsminister Gert Lindemann. Dennoch konnte bis heute auf mehr als 1000 Proben von dem streng vegan geführten Hof der EHEC-Keim nicht nachgewiesen werden. Von einem persönlichen Verschulden der Betreiber gehe der Minister nicht aus. „Nach unseren Erkenntnissen herrschten in dem Betrieb einwandfreie hygienische Zustände“, so Lindemann.

Klaus Verbeck und Uta Kaltenbach haben trotzdem bis heute – und wohl noch weit darüber hinaus – die Konsequenzen der Katastrophe zu tragen. Persönlich wie wirtschaftlich. Der Hof wurde für eine Weile gesperrt. Beide erlitten Nervenzusammenbrüche. Der Umsatz brach nach EHEC auf fünf Prozent zusammen, Monate lang mussten sie sich mit der Veräußerung von Maschinen über Wasser halten – auch die Sprossenanlage ist verkauft worden. Denn mit einem Schlag war eine ihrer Haupteinnahmequellen, die Sprossenproduktion, versiegt. Der Gärtnerhof musste wieder bei Null anfangen. „Geholfen haben Freunde und viele Kunden“, sagt Verbeck, „und die Unterstützung auch von Fremden per E-Mail.“ Nur von Politik und Wissenschaft habe man sich verlassen gefühlt.

Das grüne Metalltor zum Gärtnerhof steht wieder offen. Vor einem Jahr noch mussten Polizeikräfte dafür sorgen, dass übereifrige Journalisten, die aus aller Welt nach Steddorf geströmt waren, auf der Jagd nach Fotomotiven und Stellungnahmen nicht über Zäune kletterten. Daraufhin wurde das hohe Tor geschlossen. Für eine Weile sorgte dann ein Sicherheitsdienst dafür, dass niemand das Hofgelände unbefugt betrat.

Inzwischen ist der Biohof aber wieder ein Teil des Dorflebens. „Freitags ist da Hofverkauf“, weiß ein Nachbar. Eingekauft habe er dort selbstverständlich auch schon. „Das Gemüse da ist sehr frisch“, weiß er vor allem die Gärtnerhof-Gurken zu schätzen. Aber das Thema EHEC, nein, das sei nun wirklich erledigt, sagt er streng. „Darüber ist ja nun hinreichend alles bekannt, da redet man jetzt nicht mehr drüber.“ Auch nicht mit den Gärtnerhof-Betreibern. „So engen Kontakt haben wir ja sowieso nicht. Man lässt sich da aber mal sehen, grüßt sich und gut.“

Von den einst 15 Mitarbeitern des Hofes sind noch eine Teilzeitkraft und eine Aushilfe geblieben. Und für sie gibt es wieder zu tun: Auf den weitläufigen Anbauflächen hinter dem Hofgebäude mit seinen roten Rosen neben der Eingangstür knien sie in den Gemüsereihen und arbeiten konzentriert. Die Türen zu den bogenförmigen Gewächshäusern stehen weit offen und geben einen Blick auf pralle Gemüsepflanzen frei, eine Reihe Obstbäume steht in voller Blüte. Die Geschäfte laufen allmählich wieder an, sagt Klaus Verbeck. Mit dem Hofverkauf und mit dem Marktstand auf dem Lüneburger Wochenmarkt. Inzwischen sei der Umsatz wieder bei 15 Prozent angelangt. Tendenz leicht steigend.

Obwohl auf dem Steddorfer Gärtnerhof nie der gefährliche Darmkeim nachgewiesen werden konnte, ist der Betrieb gebrandmarkt. Man sei immer noch „der EHEC-Hof“, klagt Verbeck. Aber bei den Nachbarn, da redet niemand mehr von EHEC. Einer von ihnen meint, dass die Gärtnerhof-Betreiber auch ohne Gerede genug mit sich zu tun haben: „53 Tote damals“, schüttelt er nachdenklich den Kopf, „das lastet schwer...“

Von Ines Bräutigam

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