Mieze allein auf dem Behandlungstisch

Bienenbütteler Tierärzte über ihren Praxisalltag in Corona-Zeiten

Dr. Rainer Freers (li.) und seine Kollegin Dr. Caroline Becker (re.) kümmern sich mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen um ihre vierbeinigen Patienten und deren Besitzer, die nur von draußen zusehen dürfen.
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Dr. Rainer Freers (li.) und seine Kollegin Dr. Caroline Becker (re.) kümmern sich mit viel Liebe und Einfühlungsvermögen um ihre vierbeinigen Patienten und deren Besitzer, die nur von draußen zusehen dürfen.

Bienenbüttel – Im Behandlungsraum der Tierarztpraxis in Bienenbüttel miaut es herzzerreißend. Die Katze möchte ihren Protest darüber kundtun, dass sie den Morgen in einer Box verbringen muss. Die Sprechstunde für die vierbeinigen Patienten hat noch nicht begonnen.

Für Tierärztin Dr. Caroline Becker und ihren Kollegen Dr. Rainer Freers ist das die Ruhe vor dem Sturm. Die Praxis ist eine der wenigen Kleintierpraxen, die es im Landkreis noch gibt.

Behandlungen laufen nur mit Termin

Die Corona-Pandemie hat auch vor ihrer Praxistür nicht halt gemacht. Auch wenn sie keine infizierten Patienten versorgen, so waren auch Becker und Freers gezwungen, sich den allgemeinen Hygiene-Vorgaben anzupassen und diese bestmöglich im Praxisalltag umzusetzen. „Am Beginn des ersten Corona-Lockdowns war gar nicht klar, ob Kleintierärzte systemrelevant sind und wir weiter praktizieren dürfen“, erinnert sich Dr. Becker, die die Praxis 2019 von ihrem Kollegen Dr. Rainer Freers übernommen hat.

Damit nicht so viele Patienten auf einmal in die Praxis kommen, werden Behandlungstermine vereinbart. „Wir müssen so planen, dass es zeitlich passt. Wissen wir zum Beispiel, das Tier muss geimpft werden, planen wir weniger Zeit ein. Kommen rund 40 Personen in die Praxis und wir veranschlagen 15 Minuten, kann man sich ja überlegen, wie eng wir getaktet sind“, erklärt Freers.

Besitzer müssen von draußen zusehen

Die vierbeinigen Patienten müssen allein durch die Untersuchungen und Behandlungen – Frauchen und Herrchen müssen draußen am gekippten Fenster stehen, dürfen zugucken und mit ihrem Vierbeiner sprechen. So können auch die Tiere ihr Herrchen oder Frauchen sehen, was zur Beruhigung beiträgt. „Für das Tier ist es egal, ob der Besitzer draußen steht oder drinnen ist – Hauptsache er sieht seine Bezugsperson“, sagt Becker.

Die Maßnahmen, die die Tierarztpraxis ergreifen musste, führten nur selten zu Unverständnis. Aber es gebe auch Menschen, die sich vor den Kopf gestoßen fühlen. „Ein krankes Haustier ist für viele Menschen eine höchst emotionale Angelegenheit und eine psychische Belastung. Die Bindung ist oft sehr stark“, weiß Becker. In 90 Prozent der Fälle machen die Tiere gut mit, auch wenn sie nicht von Frauchen oder Herrchen auf dem Behandlungstisch im Arm gehalten werden.

„Wir möchten uns Zeit für Tier und Mensch nehmen, manchmal dauert es halt etwas länger“, so Becker. Regelmäßig werden die sensiblen Oberflächen desinfiziert. Alle Mitarbeiter tragen FFP-2-Msken. „Beim ersten Lockdown haben wir noch in einem Zwei-Schicht-System gearbeitet. Aber dafür haben wir im Moment zu wenig Personal“, so die Tierärztin.

Praxisnachfolger sind schwer zu finden

Die Praxis ist auf Hunde, Katzen und andere Kleintiere spezialisiert. Über mangelnde Nachfrage können sich die beiden Ärzte nicht beklagen. „Das Aufkommen wird definitiv mehr“, sagen sie. Dazu würden immer mehr Kleintierpraxen, gerade auf dem Land, schließen. „Viele Kollegen finden keinen Nachfolger. Auch in Großtierpraxen für Pferde, Rinder, Schafe und Schweine gebe es häufig Probleme, Nachfolger zu finden. „Es sind überwiegend Frauen, die sich für den Beruf der Tierärztin entscheiden. Doch diese streben nur selten eine Selbstständigkeit an“, so Becker. Denn die Arbeitszeiten sind lang. Dazu kommen Einsätze am Abend, am Wochenende oder bei Notfällen. Das sei mit Familie und Kindern nur schwer vereinbar.

„Ich habe es noch nie bereut, die Praxis übernommen zu haben“, sagt Dr. Becker. Die 43-Jährige hat drei kleine Kinder und hat vor ihrer Selbstständigkeit in einer Klinik gearbeitet. „Es ist ein großartiger Beruf, den man nur mit Leidenschaft machen kann“, ist sie überzeugt. In der Praxis kann sie eine Bandbreite von Fällen, vom Welpen bis zum „Senior“, behandeln. „Ich mache das aus Liebe zum Tier. Ich freue mich, wenn ich helfen kann und das Tier wieder gesund ist. Aber genauso begleite ich auch den Besitzer, beispielsweise wenn das Tier im Sterben liegt. Ich teile seine Nöte.“

Caroline Becker weiß aber auch, dass viele Tierärzte an ihrem Beruf verzweifeln. Sie leiden unter Erschöpfung und Burnout, der manchmal bis zur Depression führt. „Der Beruf ist unglaublich fordernd und anstrengen, auch wenn es der schönste auf der Welt ist.“

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