Früherer US-Botschafter John Kornblum erklärt Sieg Donald Trumps als Folge eines tiefen Umbruchs

Beginn des subjektiven Zeitalters

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Hysterischen Spekulationen über Trumps Pläne setzt John Kornblum (74) die Gelassenheit des langjährigen Diplomaten entgegen: „Das soll man ernst nehmen, aber man soll nicht glauben, dass dies die längerfristige amerikanische Politik ist.“

Lüneburg. Seit vier Wochen ist Donald Trump im Amt, und doch ist er immer noch die große Unbekannte.

Was bedeuten seine Ankündigungen, amerikanische Unternehmen vor Konkurrenz schützen zu wollen, für die exportorientierte deutsche Wirtschaft? Wird er Europa den militärischen Schutz der Vereinigten Staaten entziehen? Bei diesen Fragen hält sich der ehemalige US-Botschafter John Kornblum am Dienstagabend in der Lüneburger Ritterakademie nicht lange auf. Stattdessen beleuchtet auf Einladung der Industrie- und Handelskammer die großen Linien, den Anbruch eines subjektiven Zeitalters.

Hysterischen Spekulationen über Trumps Pläne setzt der 74-Jährige die Gelassenheit des langjährigen Diplomaten entgegen. „Das soll man ernst nehmen, aber man soll nicht glauben, dass dies die längerfristige amerikanische Politik ist“, sagt Kornblum, der den Außenseiter vor der Wahl im „Spiegel“-Interview einen Hochstapler genannt hat. „Der Staat hat 250 Jahre funktioniert, er wird noch 250 Jahre funktionieren.“ Das politische System der USA setze auch dem „mächtigsten Mann der Welt“ deutliche Grenzen.

Warum zeitgleich in den USA und in Europa populistische Strömungen erstarken, diese Frage sieht der Amerikaner mit deutschen Wurzeln grundsätzlicher. Hier wie dort treibe der technologische Wandel gesellschaftliche Veränderungen an wie zuletzt in den letzten drei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Die Welt befinde sich in einer großen Umwälzung. Die Verlierer dieser Entwicklung fühlten sich von den politischen Eliten der USA nicht ernstgenommen.

„Trump ist eine einzigartige Persönlichkeit. Er ist auch ein guter Politiker“, urteilte der Diplomat und ließ sein Publikum erst einmal aufhorchen. „Er hat es verstanden wie kein anderer, die tiefe, tiefe Unzufriedenheit derer, die nicht mithalten können mit der Technologie, aufzunehmen.“ Zudem habe er bei seinen Auftritten im Fernsehen gelernt, dass eine gewisse Dreistigkeit und Aggressivität ankomme.

Trotz oder gerade wegen der Dynamik der digitalen Technologie erlebe man den Anbruch eines neuen Zeitalters, eines subjektiven Zeitalters. Auch die internationalen Beziehungen verändern sich, erklärt der Ex-Diplomat. „Wir kommen in eine Netzwerkstruktur, die nicht an Verträge gebunden ist.“

Hart ins Gericht geht der Amerikaner auch mit den europäischen Politikern, die immer noch von der Nachkriegszeit geprägt seien: „Die Eliten in Europa haben gelernt, die EU als Kontrollmechanismus gegen die Bevölkerung zu benutzen“, führt Kornblum aus. „Aber sie sind nicht schlimme Menschen (die Bürger, die Red.). Sie sind okay.“ Die Europäische Union werde nicht an militärischen Konflikten zugrunde gehen, sondern aufgrund der technologischen Entwicklungen. „Europa wird besser fahren, wenn es versteht, wie vielfältig es ist“, rät Kornblum.

Deutschland und Europa mahnt Kornblum, drohen, den technologischen Fortschritt zu verpassen. Gute Autos zu bauen reiche nicht: „Die gewinnen werden, sind die den Wandel annehmen.“

Von Gerhard Sternitzke

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