Gestresste Autofahrer kennen es

Mit 25 Sachen über die B4 – Die AZ macht im Radlader den Selbstversuch

Daniel Brunhöber steht in Steddorf neben seinem Radlader
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Daniel Brunhöber ist Landwirt und bietet in dem Bereich auch Dienstleistungen an. Somit ist er mit seinen landwirtschaftlichen Maschinen oft auf der B4 unterwegs – und zieht damit den Zorn vieler Autofahrer auf sich.
  • Daniel Bieling
    VonDaniel Bieling
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Steddorf - Gestresste Autofahrer kennen es: Ein Trecker oder ähnliche landwirtschaftliche Fahrzeuge fahren auf der B4, und es dauert nicht lange, bis sich der Verkehr staut. Die neuen Leitpfosten machen ein Überholen kaum möglich. Da schimpft man gerne mal über den Landwirt. Doch wie fühlt der sich bei der Sache? Die AZ machte den Selbstversuch.

Das grüne Gesicht auf der Geschwindigkeitstafel in Neu-Steddorf, das mir angesichts meiner knapp 25 Stundenkilometer entgegenlächelt, ist die freundlichste Geste, die mir in der nächsten Stunde begegnen wird. Das weiß ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht, als ich mit dem Radlader von Daniel Brunhöber aus Steddorf durch den Ort fahre.

Brunhöber ist Landwirt und bietet außerdem landwirtschaftliche Dienstleistungen an. Somit ist er häufiger mit Trecker, Radlader und Co. auf der B4 unterwegs – oft zum Unmut der Autofahrer. Denn bedingt durch die neuen Leitpfosten kann Brunhöber nicht mehr auf die Seitenstreifen ausweichen, um Platz zum Überholen zu machen.

„Das ist eine Katastrophe“, bewertet Brunhöber die Situation – und übt sich in Galgenhumor. „Man ist immer das Safety-Car“, meint Brunhöber mit Blick auf das Auto, das sich bei Autorennen in kritischen Situationen vor das Fahrerfeld setzt. Im Gegensatz zum Safety-Car wird Brunhöber allerdings von den Fahrern hinter ihm bedrängt, beleidigt und oft in riskanten Manövern überholt. „Die B4 war schon immer ein bisschen Wildwest“, sagt Brunhöber. „Man kriegt aber irgendwann ein dickes Fell.“

Dabei kann Brunhöber durchaus Verständnis für Autofahrer aufbringen. „Man versteht, dass die ihr Ziel haben, aber das haben wir ja auch.“ So wünscht er sich, dass die Leitpfosten wieder abgebaut werden und die B4 auf 2+1 ausgebaut wird.

Der Selbstversuch startet

Dann ist es soweit, und ich darf selbst in den Radlader steigen. Als Autofahrer kenne ich den Stress auf der B 4 natürlich auch, doch dass es als Landwirt noch mal eine ganz andere Sache ist, lerne ich nur allzu schnell. Noch in Steddorf und Neu-Steddorf werde ich von den ersten Autofahrern überholt – noch im gemäßigten Tempo.

Doch kaum auf der B4 angekommen, geht der Wahnsinn los. Ich bin nur wenige Minuten gefahren und entdecke im Rückspiegel schon eine beachtliche Autokolonne hinter mir. 25 Stundenkilometer, mehr gibt der Radlader nicht her. Eine noch kürzere Zeit später ist das Ende der Schlange schon nicht mehr zu erkennen.

Schnell merke ich, dass Brunhöber Recht behalten sollte: Die Autofahrer nutzen jede Gelegenheit zum Überholen. Durchgezogene Mittellinien oder Abbiegerspuren mit ihren Sperrflächen spielen keine Rolle mehr. Mehr als einmal werde ich angehupt – nicht nur von den Fahrern, die mich überholen, sondern überraschenderweise auch vom Gegenverkehr.

Irgendwann höre ich auf, die riskanten Überholvorgänge, das Hupen oder die bösen Gesten der Fahrer zu zählen und ergebe mich meinem Schicksal als ungeliebter Verkehrsteilnehmer. Die einzige Hoffnung, die mir bleibt, ist, dass kein Rettungswagen in der Kolonne hinter mir fährt – ich würde es nicht mitbekommen.

In Jelmstorf wende ich schließlich – nachdem ich noch im Ort von einem Lkw überholt wurde – und versuche, mich wieder in den Verkehr einzufädeln. Ein scheinbar sinnloses Unterfangen, denn an dem Stau, den ich hinter mir hergezogen habe, komme ich natürlich erst mal nicht vorbei. Minute um Minute verstreicht, bis mich eine freundliche Autofahrerin vorbeilässt.

Dann trete ich den Rückweg nach Steddorf an, und sofort geht der Ärger wieder von vorne los. Einziger Unterschied: Direkt hinter mir fährt ein Schwerlasttransport, der vermutlich auch nicht viel schneller fahren könnte als ich. Immerhin ein kleiner Trost, denn so bin ich nicht der einzige Buhmann, der den Verkehr aufhält.

Ich ahne, was Brunhöber mit dem „dicken Fell“ meinte, denn genau das braucht man, wenn man zu langsam auf der B4 unterwegs ist. Dabei wage ich mir gar nicht vorzustellen, wie es sein muss, als Landwirt beinahe täglich dem Zorn ungeduldiger Pkw- und Lkw-Fahrer ausgesetzt zu sein. Mir reicht jedenfalls die eine Tour.

Immerhin geht sie mit etwas Positivem zu Ende: In Neu-Steddorf begrüßt mich wieder das lächelnde grüne Gesicht der Geschwindigkeitstafel. Wenigstens einer, der mir das langsame Tempo nicht krummnimmt.

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