Im Naturwald bei Grünhagen schneidet er Totholz aus den Kronen

Arbeitsplatz in den Baumwipfeln: Thorsten Kruse-Neuls ist Kletterer

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Respekt vor der Höhe ja, Angst nein: Baumkletterer Thorsten Kruse-Neuls (46) bei der Arbeit im Naturwaldreservat Forellenbachtal bei Grünhagen.

Grünhagen. Herbst im Forellenbachtal. Heute mischt sich der Geruch des Laubs mit dem Qualm der Motorsägen. Thorsten Kruse-Neuls lässt die Maschine aufheulen. Helle Holzspäne stieben. Ein dicker Ast knackt und schlägt dumpf polternd auf dem beliebten Spazierweg auf.

Damit abgestorbenes Holz keinen Spaziergänger trifft, wird am Eitzener Kirchsteig bei Grünhagen Totholz aus den alten Bäumen herausgeschnitten – Alltag für den 46-jährigen Baumkletterer aus Ebstorf, dessen Arbeitsplatz heute in etwa 30 Metern Höhe liegt.

Angst ist hier fehl am Platze. „Respekt hat man“, sagt Kruse. Wie am Berg zählt Erfahrung – und Technik. Mit Hilfe einer großen Zwille schießt der Kletterer einen Beutel mit einem Faden über einen hochgelegenen Ast in Baumkrone. Mit dem Faden zieht er das Seil hoch. Zusammen mit Kollege Leif-Eric Hille (46) hängt er sich an den Strang in Signal-Orange. Ast hält! Gesichert durch die Laufkatze am Bauch geht es mit dem Tritteisen flott in die Höhe. Die dreieinhalb Kilo leichte Baumpflege-Säge baumelt im Koppel.

Jetzt im Herbst sind die Äste häufig glitschig. „Das Seil sollte immer gespannt sein, damit es nicht zum freien Fall kommt“, erklärt Kruse, der eine Ausbildung als European Tree Worker (Europäischer Baum-Arbeiter) und als European Tree Technician (Europäischer Baum-Techniker) hat. Denn schon zwei Meter Fall ins Seil könnten die Wirbelsäule knacken. Sein Kletterseil wechselt Kruse einmal im Jahr. Alle zwei Jahre muss er zur Gesundheitsprüfung.

Trotzdem hat der Ebstorfer, der über einen Studentenjob zum Klettern kam, seine Berufswahl nie bedauert. Als Selbstständiger sieht er die großen Parks Norddeutschlands aus der Vogelperspektive. „Durch das Klettern, dadurch, dass man sich in diesem Lebewesen bewegen muss, bekommt man eine besondere Beziehung zum Baum“, sinniert der 46-Jährige, der schon die Platanen vor dem Schweriner Schloss von gefährlichem Totholz befreit hat. Nach getaner Arbeit lehnt sich Kruse zurück – vielleicht ist das der schönste Moment seiner Tätigkeit – und schwebt scheinbar federleicht zu Boden.

Zum Einsatz kommt Kruse überall da, wo der Hublift nicht hinkommt. Sieben Bäume am Kirchsteig bearbeitet er mit seinem Kollegen. Die abgesägten Äste landen wieder im Wald, denn sie sind Lebensraum für Insekten. In dem Naturwaldreservat der Revierförsterei Bobenwald darf der Wald sich nach eigenen Gesetzen entwickeln.

Von Gerhard Sternitzke

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