Vom Alltag einer Risiko-Patientin

Wie eine an Brustkrebs erkrankte Frau während der Pandemie in Bienenbüttel zurechtkommt

+
Das Symbolfoto zeigt eine Mutter mit ihrer Tochter in Bayern, die in häuslicher Isolation sind. Auch die Bienenbüttelerin Tanja K. vermeidet jeglichen Kontakt mit fremden Menschen. Sie ist Hochrisiko-Patientin.

Bienenbüttel – Als die Bienenbütteler Grundschule vor Kurzem die Möglichkeit bot, dass Eltern die Schulaufgaben und -bücher ihrer Kinder abholen können, war das für Tanja K. ein unangenehmer Moment. Sie meidet noch vielmehr als andere Menschenansammlungen.

Kurzerhand klärte sie mit der Schulleitung, dass ihre beiden Töchter die Sachen selbst abholen dürfen. Und so fuhr sie die beiden Mädchen zur Schule, blieb selbst im Auto sitzen. Keine fünf Minuten später kamen ihre Töchter zurück – ohne Bücher, stattdessen mit Tränen in den Augen. „Andere Eltern haben sie direkt angemault und gesagt, dass sie dort nichts zu suchen hätten und verschwinden sollten“, erzählt Tanja K.

Wunsch nach mehr Rücksichtnahme

Statt erst einmal zu fragen, warum die Kinder denn selbst dort waren, hätten die anderen Eltern direkt losgewettert, sagt die 47-Jährige, die für dieses Verhalten kein Verständnis hat. Wütend wie sie war, ging sie also doch selbst zur Schule, stellte die Eltern zur Rede. „Als ich ihnen erklärt habe, dass ich Risikopatientin bin und vorher alles mit der Schulleitung geklärt hatte, kam nur: ‘Das habe ich ja nicht gewusst’“, berichtet Tanja K.

Die Bienenbüttelerin hätte sich in diesem Moment mehr Rücksichtnahme und Fingerspitzengefühl gewünscht. Schließlich waren ihre Kinder nicht ohne Grund zur Schule gekommen, während sie selbst im Auto wartete. Tanja K. ist an Brustkrebs erkrankt, in fortgeschrittenem Stadium. Aktuell befindet sie sich in Akuttherapie, muss einmal die Woche zur Chemotherapie nach Lüneburg. „Mein Immunsystem ist auf Null runtergefahren“, erklärt sie. Ein Infekt – dabei muss es nicht einmal Corona sein – könnte für sie tödlich enden.

Als die AZ sie zum Gespräch anruft, sitzt Tanja K. gerade im Auto auf dem Parkplatz eines Supermarktes, während ihr Mann den Einkauf erledigt. Die dreifache Mutter versucht, einfach allem aus dem Weg zu gehen. 95 Prozent ihrer Zeit verbringt sie zu Hause. „Wir haben zum Glück ein bisschen Garten, sodass wir rausgehen können“, erzählt sie. Die ersten drei, vier Tage nach einer Chemo-Behandlung sei sie arg geschwächt.

Auch die Kinder sind stark eingeschränkt

Daran, Besuch zu empfangen oder jemanden zu besuchen, sei dann ohnehin nicht zu denken. „Auch meine Kinder sind natürlich sehr eingeschränkt“, erklärt Tanja K. Ihre Tochter besucht die vierte Klasse, müsste dementsprechend am Montag wieder zum Unterricht. Aber: „Von der Onkologie bekomme ich ein Schreiben, dass sie weiterhin zu Hause unterrichtet werden muss, weil ich Hochrisiko-Patientin bin“, erzählt die Bienenbüttelerin. Gute Freundinnen ihrer beiden Töchter im Grundschulalter kommen bis an den Zaun oder stellen sich auf die andere Straßenseite, sodass ihre Töchter dennoch weiter auf dem Laufenden sind.

Schade findet Tanja K., dass sie wegen der Corona-Pandemie aktuell auch nicht die Möglichkeit hat, mit ihren Töchtern auf den Reiterhof zu gehen, da dieser geschlossen ist. „Das würde sonst gehen, weil wir dort an der frischen Luft und nicht mit anderen auf engem Raum sind.“ So verbringt Tanja K. die Tage damit, ihre Töchter beim Lernen zu unterstützen, den Haushalt zu machen und zu kochen. Kontakt mit fremden Menschen: ausgeschlossen. „Ich versuche alles, um mich nicht zu infizieren.“

VON FLORIAN BEYE

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare