Im Interview: Ex-RAF-Mitglied Wackernagel über Probleme und Utopien / Lesung in Bienenbüttel

„Aber bitte nicht mit Gewalt“

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Christof Wackernagel war Mitglied der Roten Arme Fraktion. Donnerstag liest der Autor und Schauspieler in Bienenbüttel aus seinem fiktiven Tagebuch. 

Bienenbüttel. „RAF oder Hollywood – Tagebuch einer gescheiterten Utopie“. So lautet der Titel seines Buchs, aus dem Christof Wackernagel am Donnerstag, 3. Mai, um 19.30 Uhr in der Buchhandlung Patz in Bienenbüttel liest.

Im Interview mit AZ-Redakteur Florian Beye spricht der 66-jährige Schauspieler und Autor, der wegen versuchten Mordes und Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung zehn Jahre in Haft war, über seine Entscheidung für die RAF und gegen eine Hollywood-Rolle, über damalige und heutige Probleme sowie die Utopie einer gerechten Gesellschaft.

Herr Wackernagel, warum haben Sie sich 1977 für die Rote Armee Fraktion und gegen die Hauptrolle im Hollywood-Film „Midnight Express“ entschieden?

Wackernagel: Ich habe damals die Ungerechtigkeit in der Welt nicht ausgehalten, zum Beispiel als der Student Benno Ohnesorg bei einer Demonstration erschossen wurde. Da war ich 16 Jahre alt. Ich habe das alles nicht verstanden: dass Religionen einerseits predigen, dass alle Menschen gleich sind, aber es gleichzeitig reiche und arme gibt und Kriege geführt werden. Gleichzeitig habe ich als Filmschauspieler Karriere gemacht und in dem System, das ich eigentlich ablehnte, Geld verdient. Dieser Widerspruch wurde 1977 dann so groß, dass ich letztlich davor geflohen und zur RAF gegangen bin.

Bereuen Sie die RAF-Zeit, wenn Sie sie aus heutiger Perspektive betrachten?

Wie ich persönlich damit umgehe, dass ich in einer Gruppe war, von der Menschen getötet wurden, das ist mein ganz persönliches Problem. Das Öffentliche ist abgegolten durch die Haftstrafe. Ich habe Glück gehabt, dass ich niemanden persönlich erschossen habe. Aber es bringt niemandem etwas. jetzt zu sagen: „Oh, ich bereue das alles so sehr.“ Wichtiger ist die Frage: Was mache ich aus der Erfahrung, dass ich die falschen Mittel für das richtige Ziel genommen habe?

Und wie lautet Ihre Antwort auf diese Frage?

Ich will vermitteln. Da sind wir wieder bei dem Buch. All diesen jungen Leuten – und da gibt es viele –, die an der Perspektivlosigkeit dieser Welt und an der brutalen Durchsetzung des Kapitalismus verzweifeln, will ich vermitteln: Man kann und muss etwas tun, man kann anders leben, man kann Perspektiven entwickeln, es gibt Utopien. Aber bitte nicht mit Gewalt.

Stören Sie in der heutigen Gesellschaft andere Dinge als damals oder sind die Probleme von früher nur noch gravierender geworden?

An der Kritik an den globalen Verhältnissen hat sich bei mir nichts geändert. Um es etwas provokativ zu sagen: Wir leben in der Diktatur des Profits. Alles muss Geld abwerfen für einen ganz geringen Teil der Bevölkerung. Ich habe zehn Jahre lang in Mali gelebt und miterlebt, wie Menschen verrecken, weil sie kein Trinkwasser haben. Wir sind in der Lage zum Mond zu fliegen, aber kriegen es nicht hin, dass alle Menschen Trinkwasser haben. Das Elementarste auf der Welt schaffen wir nicht. Das ist Barbarei und dagegen werde ich kämpfen – hoffentlich bis ich umfalle.

Ihre RAF-Vergangenheit hat gezeigt: Gewalt ist kein Mittel, um die Welt gerechter zu machen. Welche anderen Wege könnte es geben?

Es kann nur über eine Bewusstseinsveränderung funktionieren. Nur wenn den Menschen die globalen Verhältnisse und Ungerechtigkeiten bewusst werden, kann sich etwas ändern. Und es muss auch Kritik an denjenigen, die für die Verhältnisse verantwortlich sind, klar geäußert werden. Und die Leute müssen es selbst verstehen. Es klappt nicht, wenn irgendein Jesus oder Führer vorschreibt, dass etwas geändert werden muss.

Sie haben dafür ein Projekt entwickelt, das bislang nicht umgesetzt worden ist.

Schon 2003 hatte ich es weit entwickelt. Damals hieß es „Kulturkarawane“. Jetzt trägt es den Namen „Arche der Menschheit“. Ich stelle mir vor, dass Männer und Frauen aus aller Welt anderthalb Jahre durch Afrika ziehen und darüber nachdenken, wie eine gerechte Welt aussehen könnte.

Was sind Werte, für die es sich lohnt zu kämpfen?

Der Austausch zwischen Menschen, die Kultur des Dialogs. Die Anerkennung des anderen. Anstatt sich gegenseitig zu bekämpfen, könnten wir schon jetzt die Utopie einer gerechten Gesellschaft umsetzen, wenn wir das verwirklichen, was Philosophen und Religionen seit Jahrtausenden predigen: Jeder Mensch ist gleich.

Sie sind damals als intelligenter, friedlicher Mensch zur RAF gegangen. Heute gibt es 11 000 Salafisten in Deutschland. Warum ist es noch immer so einfach für extreme Gruppierungen, Menschen für sich zu gewinnen?

Für mich ist das ein Ausdruck dafür, auf welch gigantisch falschem Weg sich unsere Gesellschaft befindet. Wenn Kinder in diese Gruppen gehen, dann ist das ein Schrei: Hört auf mit diesem Lebensstil. Wir – vor allem wir reichen Länder – müssen uns ändern. Man muss die Ursachen des Terrorismus bekämpfen. Und das ist unsere falsche Gesellschaft.

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