Auf Schienen

Wolf-Peter Weinert veröffentlicht Modellbahnroman bei Youtube

Wolf-Peter Weinert mit seiner Modelleisenbahn
+
Wolf-Peter Weinert, Arzt, Autor und Modellbahner, in seinem Reich auf dem Spitzboden. Eine geerbte Modellbahn ist Ausgangspunkt einer Geschichte, die immer fantastischer wird.
  • Gerhard Sternitzke
    vonGerhard Sternitzke
    schließen

Sein Reich befindet sich auf dem Spitzboden: Wolf-Peter Weinert ist Hausarzt, Modellbahner und Autor. Beide Leidenschaften hat der 65-jährige Bevenser miteinander verbunden. Herausgekommen ist jetzt der Modellbahnroman „Spurwechsel“, der in 100 Folgen auf Youtube erscheint.

VON GERHARD STERNITZKE

Bad Bevensen – Fast am Anfang steht eine Erbschaft. Anton Gerber, kurz Toni, wird von Onkel und Tante nicht nur mit einem Vermögen bedacht, das ihn von der Notwendigkeit des Gelderwerbs befreit. Die beiden, die sich auf einem Bildschirm zu Wort melden, haben ihn auch mit einer riesigen Modelleisenbahn bedacht. Die Fahrt beginnt, und die Fantasie nimmt Fahrt auf. Zweimal in der Woche, jeweils montags und freitags, erscheint bei Youtube eine neue Hör-Folge des Modellbahnromans „Spurwechsel“.

Besuch bei Wolf-Peter Weinert, Hausarzt in Bad Bevensen, Autor, Modellbahner. Eine Treppe ins Obergeschoss, dann noch eine Hühnerstiege. Kopf einziehen! Unter dem Spitzboden ziehen sich rund 250 Meter Miniaturgleise hin. In zwei Etagen verkehren detailgenaue Züge vom ICE bis zum dampfgetriebenen Orientexpress. Akkuschrauber, Lötkolben, Miniaturgras in Tüten liegen bereit. Eine Modellbahn ist nie fertig.

In der Modellbahn will man die Welt im Kleinen erschaffen. Das ist in der Schriftstellerei dasselbe.

Wolf-Peter Weinert, Autor

Weinert, noch in Erinnerung mit seinem Roman „Anselm Kunze. Der andere Hausarzt“, weiß also, wovon er spricht. Seine Zuhörer, Zuschauer – die Folgen werden begleitet von Bildern detailgenauer Modellbahnen – können sich darauf verlassen, dass beschriebene Spurweiten, Lok-Modelle, Steuerungen korrekt wiedergegeben sind. Die Reise, auf die sich Toni begibt, wird immer fantastischer und führt mit der Transsibirischen Eisenbahn und indischen Zügen an weit entfernte Orte, die gemeinsam haben, dass Weinert sie schon bereist hat.

Die Modellzüge sind Anlass für eine Geschichte, die auf 100 Folgen bis Ende des Jahres angelegt ist. Sie erschöpft sich nicht darin. Ein schriftstellerischer Kunstgriff, anhand der Modellbahn und ihrer Details eine viel größere Geschichte zu erzählen. „In der Modellbahn will man die Welt im Kleinen erschaffen. Das ist in der Schriftstellerei dasselbe“, erklärt Weinert. Sein „Held“ Toni entdeckt immer neue Abschnitte des Modelleisenbahnreichs, ferne Länder, die 1950er-Jahre. Unter anderem erlebt der Hörer einen Wahlkampfauftritt Konrad Adenauers mit.

Lernen von Thriller-Autor Stephen King

Spurwechsel, das bezeichnet ja die Überleitung eines Zugs von einem auf ein anderes Gleis mittels entsprechend gestellter Weichen. Im übertragenen Sinn ermöglicht auch die Erbschaft einen Spurwechsel, raus aus den eingefahrenen Gleisen. Aus der Spur gerät Gerber schließlich auch, weil ihn seine Freundin verlässt und sein bester Freund ihn mit ebendieser betrogen hat. Die neue Situation macht ihn jedoch frei für seine Reisen und Erlebnisse. Und dann sind da auch noch die vermissten Kinder Lisa und Torben.

Von Thriller-Autor Stephen King lernte Weinert, der seine Stunden in der Hausarztpraxis längst zugunsten seiner schriftstellerischen Arbeit reduziert hat, dass man am Anfang einer neuen Geschichte nicht zwingend wissen muss, wie sie ausgeht. Beim Schreiben entwickelt sie sich. Der Autor erlebt sie selbst im Formulieren, entdeckt neue Personen und Handlungsstränge. „Das habe ich probiert, und das klappt wunderbar“, erzählt der 65-Jährige.

Autor Wolf-Peter Weinert mit Modellbahnhof und -zügen.

Für sein neuestes Werk hat der Autor selbst ebenfalls einen Spurwechsel vorgenommen. Statt Veröffentlichung zwischen zwei Buchdeckeln erscheint der Roman als Hörbuch in Folgen auf dem Internetportal Youtube. „Die Idee war, dass ich ein ruhig, ausdauernd erzählendes Werk schaffe, aber mich nicht mit Verlagen auseinandersetzen muss“, erklärt Weinert. Kein Lektor pfuscht ihm in die Geschichte. Er bestimmt ihren Verlauf allein wie den seiner Modellbahn.

Seit seiner Jugend schreibt Weinert. Sein erstes Buch: ein „Protest-Roman“. Da haben die Eltern den langhaarigen Jungen gerade in eine kaufmännische Lehre gesteckt. Nach 30 Seiten ist die Wut verraucht. Später macht er das Abitur nach, studiert, wird Arzt. Nachdem die beiden Kinder groß sind, nimmt seine Leidenschaft mehr Raum ein. Er schreibt Kurzgeschichten. „Es gibt so viele gute Geschichten im Leben eines Arztes“, erzählt Weinert.

Weinert schreibt seit seiner Jugend. Sein erstes Buch: ein Protestroman

Der „Spurwechsel“ ist bereits Weinerts siebentes Werk. Der Autor arbeitet diszipliniert jeden Tag an seinen Texten. Ein autobiografisch geprägter Familienroman wächst seit Jahren. Es wird ein großes, dreiteiliges Werk, das jetzt schon über 1000 Seiten umfasst.

Am „Spurwechsel“ hat Weinert ein Jahr lang intensiv gearbeitet. Zu jeder Eisenbahn gehören auch Nebengleise, und dort gibt Weinert mittwochs zusätzliche Informationen zur Geschichte. Für Abonnenten gibt es Sonderkapitel wie etwa Berichte aus dem Reisetagebuch des verstorbenen Onkels. Die Geschichte bleibt aber auch ohne sie verständlich, betont Weinert: „Ich bin mal gespannt, wie viel Geduld die Zuhörer haben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare