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Bäume (zu) nah am Gleis: Bahn-Experte Breimeier für Abkehr von Einzelfall-Prüfung

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Von: Lars Becker

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Wenn erst einmal – so wie hier bei Bienenbüttel – Bäume in die Gleise oder auf Oberleitungen gestürzt sind, ist es zu spät. Bahn-Experte Dr. Rudolf Breimeier aus Bad Bevensen plädiert dafür, die Vorgaben zur Vegetationskontrolle zu verändern.
Wenn erst einmal – so wie hier bei Bienenbüttel – Bäume in die Gleise oder auf Oberleitungen gestürzt sind, ist es zu spät. Bahn-Experte Dr. Rudolf Breimeier aus Bad Bevensen plädiert dafür, die Vorgaben zur Vegetationskontrolle zu verändern. © Philipp Schulze/dpa

Der Bahn-Experte Dr. Rudolf Breimeier aus Bad Bevensen mahnt bereits seit vielen Jahren an, dass Bäume nicht in direkte Gleisnähe gehören. Dafür müssten aber Gesetze geändert werden.

Uelzen – Die heftigen Orkan- und Sturmtiefs der letzten Tage haben im Bahnverkehr erneut ein Problem zutage gefördert, auf das Dr. Rudolf Breimeier aus Bad Bevensen seit Jahren hinweist: Infolge „eklatanten Versagens der Vegetationskontrolle“ in den letzten 25 Jahren hätten sich Millionen von Bäumen zu dicht neben den Gleisen angesiedelt, die nun in Oberleitungen oder auf die Schienen krachten. Im benachbarten Ausland seien solch gravierende Auswirkungen nach Stürmen nicht bekannt.

Der im Bundesnaturschutzgesetz formulierte Schutz von Bäumen an Straßen sei allem Anschein nach auf Bäume an Bahnstrecken ausgeweitet worden – eine Analogie, die sich jedoch verbiete. Denn: Bremswege auf der Schiene seien um den Faktor 10 größer als auf der Straße. Sollte der Triebwagenführer ein Hindernis erkennen, lasse sich eine Kollision meist nicht mehr verhindern. „Der Betrieb der Eisenbahn fußt auf der Garantie eines von Hindernissen freien Fahrweges und dem Vertrauen hierauf“, betont Breimeier.

„Reihenweise Bäume einfach umgemäht“

Die Bahn spricht in einer Bilanz selbst davon, dass die jüngste Sturmserie „reihenweise Bäume einfach umgemäht“ habe. In der Folge waren auch zwischen Uelzen und Lüneburg Gleise blockiert, der Schienenverkehr kam teilweise zum Erliegen – wie schon so oft in der Vergangenheit.

Schon 2018 fasste Bahn-Experte Breimeier – gelernter Fahrdienstleiter, selbst im höheren Dienst bei der Bahn und im Herbst seiner beruflichen Karriere in der Zentrale des Konzerns verantwortlich für die Konzeption und Wirtschaftlichkeitsprüfung von Neu- und Ausbaustrecken – in einem Exposé „Die Bahntrasse: Biotop oder Verkehrsweg?“ zusammen: „Eine der Ursachen der seit Jahren aus dem Ruder gelaufenen Vegetationskontrolle ist sicherlich die Bahnreform von 1994.“ Seither müsse die Bahn die Kosten der Instandhaltung tragen. „Die Versuchung ist deshalb groß, die Instandhaltung zu minimieren.“

Einzelfall-Regelung „wirklichkeitsfremd“

Mehr als 110 Jahre alt sei die Regel, dass dem Windbruch ausgesetzte Bäume so weit von den Gleisen entfernt stehen müssten, dass sie diese beim Umstürzen nicht erreichen könnten. Naturschutzbehörden lehnten die Begrenzung des Aufwuchses der Bäume jedoch ab.

„Das Denken in Maß und Zahl geht uns verloren. Jeden Einzelfall prüfen zu wollen, ist wirklichkeitsfremd. Die Bahn kann also fast nichts machen“, sagt der 83-jährige Breimeier, der vor 20 Jahren nach seiner Pensionierung nach Bad Bevensen zog. „Hiermit wird Naturschutz Vorrang gegenüber Betriebssicherheit der Eisenbahn und dem Personenschutz eingeräumt“, urteilt Breimeier, der die Lösung des Problems einzig in der Änderung der Gesetzestexte und damit die Politik in der Pflicht sieht.

Rückschnittzone sechs Meter rechts und links der Gleise

Eine Bahnsprecherin erläuterte auf AZ-Anfrage, dass „im Rahmen gesetzlicher Vorgaben die Bahn dafür Sorge trägt, dass Zugfahrten verlässlich durchgeführt werden können. Dafür gilt es, die Vegetation im direkten und weiteren Umfeld der Gleise im Blick zu behalten und bei Bedarf tätig zu werden. Das Konzept des Vegetationsrückschnitts folgt guter forstwirtschaftlicher Praxis. Belange des Natur- und Umweltschutzes werden umfassend berücksichtigt.“

Mindestens sechs Meter rechts und links der Gleise werde eine Rückschnittzone ganzjährig von Bewuchs freigehalten. „Dieser bodennahe Rückschnitt im U-Profil erfolgt einmal im Jahr sowie bedarfsorientiert.“

Breimeier einst für „Stuttgart 21“ mitverantwortlich

Bahnexperte Dr. Rudolf Breimeier betont: „Wenn etwas schief läuft, prangere ich das an. Wie etwa beim Projekt ,Stuttgart 21‘, vor dem ich als Verantwortlicher gewarnt habe.“ Seine als Breimeier-Varinate bekannten Alternativ-Überlegungen zur „Y-Trasse“ Hamburg/Bremen–Hannover „war ein Versuchskaninchen, das ich losgelassen habe. Dafür war es noch 30, 40 Jahre zu früh – die Zeit noch nicht reif.“

Erleben wird Breimeier das nicht mehr – vielleicht aber Verbesserungen in der Vegetationspflege entlang der Gleise...

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