Corona: Viele Kinder weiter in der Krise

Psychische Folgen des Lockdowns – Therapeuten aus der Seeparkklinik berichten

Dr. Rebecca Knoche und Jan Schiborr von der Seeparkklinik in Bad Bodenteich.
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Dr. Rebecca Knoche und Jan Schiborr von der Seeparkklinik in Bad Bodenteich sind Experten für psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen.
  • VonAndreas Urhahn
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Dr. Rebecca Knoche und Jan Schiborr therapieren in der Seeparklinik in Bad Bodenteich Kinder und Jugendliche, die psychische Folgen von der Isolation während der Corona-Lockdowns davon getragen haben. Im Gespräch mit der AZ geben Sie auch Ratschläge für Eltern.

Bad Bodenteich – Stress, Angst, Unlust, Traurigkeit, sozialer Rückzug, Übergewicht – die Liste der Symptome ist lang. Für viele Kinder war die Isolation während der Lockdowns in den vergangenen 18 Monaten eine traumatische Erfahrung. Schulen und Kitas waren geschlossen, das Vereinsleben fand nicht mehr statt und lange Zeit durften auch keine Freunde besucht werden. Die Eltern? Ganz oft selbst mit der Situation und dem Spagat zwischen Erziehung und Homeoffice überfordert.

„Wenn sich das Verhalten des Kindes grundlegend ändert und es sich von täglichen Gewohnheiten zurückzieht, dann sollten Eltern aufmerksam werden und das Gespräch suchen“, sagt Dr. Rebecca Knoche, Chefärztin für Akutpsychosomatik bei Kindern und Jugendlichen an der Seeparkklinik in Bad Bodenteich. Jan Schiborr, Therapeutischer Leiter für Kinder-, Jugend- und Familienpsychosomatik und Psychotherapie, ergänzt: „Das Problem ist hierbei, dass die Änderung von Gewohnheiten während der Pandemie zur Normalität gehörte. Das fiel dann nicht sofort auf.“

Noch immer wissen viele Familien nicht wie es weitergeht. Ob da noch was kommt. „Es herrscht ja zum Teil weiterhin eine Grundangst. Dieses Rückzugsverhalten, das vor drei Jahren noch etwas Beängstigendes war, wird in vielen Familien nun als etwas Gutes gesehen“, so Schiborr weiter. Wichtig sei die Mischung aus Schutz auf der einen Seite und Bedürfnissen der Kinder auf der anderen.

„Was Eltern tun können, ist dafür zu sorgen, dass das Kind wieder ähnliche Strukturen wie vorher bekommt und zum Beispiel wieder in den Fußball-Verein geht“, erklärt der Experte für Rehabilitation. „Wenn Kinder das nicht möchten, ist das ein Warnsignal“, weiß Dr. Knoche. „Es gab eben Situationen, dass die Schule ausgefallen ist und die Kinder acht bis zehn Stunden gedaddelt haben“, zeigt Schiborr auf. Ganze Familien seien so in den Krisenmodus gegangen, den sie noch immer nicht verlassen haben.

„Das war eine gemeinsame Not. Wenn Eltern zu Hause ihrer beruflichen Tätigkeit nachgehen mussten, dann haben sie den Kindern aus dieser Not heraus etwas an die Hand gegeben“, führt Rebecca Knoche aus. Die Chefärztin ist der Meinung, dass Eltern nun als Vorbild vorangehen müssen: „Der Weg zurück ist ein gemeinsames Projekt.“

Mit dem erhöhten Medienkonsum gehe auch ein vermehrtes Auftreten von Übergewicht einher. Für Knoche ein Problem, dass bereits vorher da gewesen sei und sich jetzt massiv verschärft habe. Sie empfiehlt Eltern, vermehrt Freizeitangebote zu nutzen. „Wie viele Fitness-Studios gibt es? Man hat den Eindruck, Bewegung könne nur noch in professionellen Einrichtungen stattfinden. Ein Kind braucht dafür keine Sportgeräte, mit dem Kind raus gehen langt schon“, fügt Schiborr an.

Aber auch das Gegenteil sei oft der Fall. Durch die Isolation können Kinder und Jugendliche in die Symptomatik einer Essstörung fallen. „Das passiert zumeist den Jugendlichen, die sich über Leistung identifizieren, die gut in Schul- oder Leistungssport waren. Die stellen sich dann die Frage, in was sie jetzt gut sein können“, erklärt Jan Schiborr. Sport- und Abnehm-Challenges haben viele sehr junge Mädchen erwischt, berichtet der Experte. Rebecca Knoche erkennt, dass sich hier die Altersgrenze deutlich nach vorne verschoben haben könnte.

Eine Therapie, die zwischen vier und zehn Wochen dauert, setze dann auf einen geregelten Tagesablauf und Gemeinschaft – die Gegenteile von Lockdown und Isolation. Kinder und Jugendliche lernen, dass sich etwas ändern muss. Dr. Rebecca Knoche sagt: „Die Jugendlichen definieren ihre Ziele selbst, denn die Therapie ist nichts Passives. Therapie ist Arbeit.“

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