55-Jähriger zeigt Reue

Prozess in Lüneburg wegen sexuellen Missbrauchs: Angeklagter gesteht sämtliche Taten

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Der 55-jährige, aus Vietnam stammende Angeklagte verdeckte sein Gesicht im Gerichtssaal. Links sein Verteidiger Dieter Axmann, rechts der Dolmetscher. 

Bad Bodenteich/Lüneburg – Nachdem sie es hinter sich gebracht hat, muss sie erst einmal tief Luft holen und durchpusten. Dann wischt sie sich Tränen aus ihren Augen.

In diesem Moment fällt all die Anspannung von der zierlichen jungen Frau mit den kurzen schwarzen Haaren ab. Sie wirkt erleichtert nach so vielen quälenden Jahren. Denn gestern beim dritten Prozesstag vor dem Landgericht Lüneburg hat der 55-jährige Angeklagte, dem vorgeworfen wird, sie als Kind schwer sexuell missbraucht zu haben, sämtliche Tatvorwürfe vollumfänglich eingeräumt.

Die Taten hatte er zwischen 1999 und 2005 unter anderem in Bad Bodenteich begangen. Sein damaliges Opfer, jene junge Frau, tritt nun als Nebenklägerin in dem Prozess auf. Im Gerichtssaal fällt der aus Vietnam stammende Angeklagte gestern vor ihr auf die Knie und bittet sie mit zitternder Stimme um Vergebung. Schließlich steht die Frau von ihrem Stuhl auf und reicht ihm die Hand. Dann umarmen sich die beiden. Bereits beim zweiten Prozesstag Ende August hatte der 55-Jährige die junge Frau auf Knien um Verzeihung angefleht.

Gestern berichtet ein Justizsozialarbeiter vom Allgemeinen Sozialdienst der Hansestadt Lüneburg als Zeuge von einem Täter-Opfer-Ausgleichsgespräch, das der 55-Jährige und die junge Frau geführt haben. Dabei habe der Angeklagte erklärt, er wolle die Verantwortung für alle ihm zur Last gelegten Taten übernehmen. Auch einen besonders schwer wiegenden Anklagepunkt, den er zuvor bestritten hatte, räumt der 55-Jährige nun ein und entschuldigte sich. „Er hat gesagt: ,Das habe ich gemacht, ich stehe dazu‘“, schildert der Zeuge.

Der Angeklagte wolle dazu beitragen, dass das Opfer nicht vor Gericht aussagen müsse und somit nicht ständig an die Taten erinnert und damit belastet werde. Der 55-Jährige bereue sein Verhalten. Er habe der jungen Frau „sehr weh getan“, übersetzte sein Dolmetscher für ihn.

Warum er sie sexuell missbraucht hat, wisse er nicht, sagt der Angeklagte. Aus Scham habe er seiner Familie nichts von den Taten erzählt. Als Geste der Wiedergutmachung bietet er dem Opfer eine finanzielle Entschädigung an. Sein Mandant habe sich 5.000 Euro geliehen und sei bereit, diese Summe als Zahlung bei der Gerichtskasse einzutragen, erklärt sein Verteidiger Dieter Axmann.

Das Hauptanliegen des Opfers sei jedoch nicht so sehr der materielle Ausgleich, sondern das Gespräch mit seinem damaligen Peiniger, berichtet der Justizsozialarbeiter. Über Jahre hinweg habe die junge Frau „extrem große Angst ausgestanden“, wenn sie eine Person erblickte, die ähnlich aussah wie der Angeklagte. Sie habe lange gebraucht, um das zu überwinden. Deshalb sei das gestrige Gespräch für sie sehr wichtig gewesen.

Der Täter-Opfer-Ausgleich sei erfolgreich verlaufen, resümiert der Justizsozialarbeiter. „Mein Eindruck ist, dass es für beide Seiten etwas gebracht hat.“ Am Donnerstag, 19. September, wird der Prozess fortgesetzt.

VON BERND SCHOSSADOWSKI

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