Jahrelange seelische Qualen

Prozess in Lüneburg: Opfer des sexuellen Missbrauchs schildert sein Martyrium

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Der 55-jährige aus Vietnam stammende Angeklagte (Mitte) hat sämtliche Tatvorwürfe eingeräumt. Links sein Anwalt Dieter Axmann, rechts der Dolmetscher.

Bad Bodenteich/Lüneburg – Jahrelang hatte sie versucht, die schlimmen Erlebnisse aus ihrer Kindheit zu verdrängen. Doch irgendwann wachte sie frühmorgens schweißgebadet auf.

„Da habe ich den Entschluss gefasst: So kann es nicht weitergehen“, sagt die junge Frau gestern im Landgericht Lüneburg.

Die inzwischen 27-Jährige war als Kind mehrfach von einem Bekannten sexuell missbraucht worden, unter anderem in Bad Bodenteich (AZ berichtete). Angeklagt ist ein 55-jähriger Vietnamese, der einst ein Freund ihrer Familie war. Er hat alle Tatvorwürfe vollumfänglich eingeräumt.

Die junge Frau tritt als Nebenklägerin auf. Gestern beim vierten Prozesstag schildert sie dem Gericht in ergreifenden Worten, wie sie bis heute psychisch unter den Folgen des schweren Missbrauchs leidet, der zwischen 1999 und 2005 begangen wurde. Als Kind habe sie sich nicht getraut, ihren Eltern davon zu erzählen. Der Angeklagte habe sie damals unter Druck gesetzt. „Er hat mir gedroht: Dann passiert etwas Schlimmes.“ Auch ihre ehemals beste Freundin habe den sexuellen Missbrauch angezweifelt. „Ich hatte ganz große Angst, dass mir nicht geglaubt wird und dass ich am Ende als Lügnerin dastehe“, erzählt die 27-Jährige.

Als Teenager habe sie sich entschieden, das erlittene Unrecht zu verdrängen. Sie habe die Erinnerungen „wie in einen Schuhkarton gepackt und auf dem Dachboden abgelegt“ – wohl auch, weil sie Angst hatte, dass sie durch ihre Anzeige die Familie des Angeklagten zerstören könnte. Dessen Ehefrau und den beiden Söhnen, die für sie wie Brüder gewesen seien, habe sie die Wahrheit nicht zumuten wollen.

Doch dann kam das Jahr 2016, in dem es viele Medienberichte über sexuellen Missbrauch von Frauen gab. Das habe ihr zu denken gegeben. „Die Box, die auf dem Dachboden lag, hat angefangen zu rütteln“, erklärt sie. Immer wieder habe sie blitzartige Erinnerungen an jene traumatischen Erlebnisse gehabt. Ende 2016 habe sie dann eine E-Mail an den „Weißen Ring“, eine Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, geschickt und den sexuellen Missbrauch offengelegt. Schließlich habe sie den Täter bei der Polizei angezeigt.

Doch damit endete ihr Martyrium nicht. Sie sei danach in ein tiefes Loch gefallen. Das Ganze habe sie emotional so mitgenommen, dass sie Panikattacken und Kälteanfälle bekommen habe. Hinzu kamen Schlafstörungen und Albträume. Daher habe sie sich in psychologische Behandlung begeben. Zuletzt habe sie nur noch wenige Stunden am Tag arbeiten können. „Ich konnte mich keine zehn Minuten auf eine Sache konzentrieren“, berichtet sie. Seit Januar 2017 war sie durchgängig krankgeschrieben. Inzwischen hat sie ihren Job aufgegeben.

Vor den bewegenden Schilderungen der jungen Frau hatte das Gericht zwei Briefe vorgelesen, die der Angeklagte 2017 und 2018 an ihre Familie geschickt hatte. Darin heißt es unter anderem: „Nun wird der Tag, an dem ich für meine niederträchtigen, gemeinen und schändlichen Handlungen büßen muss, bald kommen.“ Durch seine Taten habe er „alles kaputtgemacht“, schrieb der Mann. Der Missbrauch sei unverzeihlich. „Es gibt nichts, womit ich meine schäbige Tat verteidigen könnte.“

VON BERND SCHOSSADOWSKI

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