Mobbing und Missbrauch: Bewohnerin einer Bodenteicher Wohngruppe erzählt ihre Geschichte

Als Lisa* nicht mehr aß und trank

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Betreuer der Bodenteicher Wohngruppe beim Tag der offenen Tür der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung am Sonntag. Bewohnerin Lisa* hat der AZ ihre Geschichte erzählt, wird aber zu ihrem Schutz nicht mit ihrem echten Namen genannt und abgebildet.

Bad Bodenteich. Lisa* kennt die Tricks. Wenn sich das Essen nicht vermeiden ließ, zerbröselte sie das Brötchen, bis es in Krümeln auf dem Boden lag. Oder sie spuckte die Bissen ins Taschentuch. Und manchmal verteilte sie einfach möglichst viel Nahrung auf dem Tellerrand.

Schmieren lautet deshalb der Fachbegriff für diese Vermeidungstechniken, die typisch sind für Magersüchtige. Lisa tut das nicht mehr. Dass sie so weit ist, verdankt die 21-Jährige der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung, in deren Wohngruppe in Bad Bodenteich sie seit einem Jahr lebt.

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Wenn man hungert, ist man Matsch im Gehirn. Man kann nicht denken, hat kein Gedächtnis. - Lisa*

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Lisa isst jetzt sogar manchmal ein Eis. „Aber ohne Nüsse und nicht mit Soße“, betont die junge Frau. Auch vor einem Schokoriegel hat sie keine Angst mehr. Heute bringt sie 52 Kilo auf die Waage, ist immer noch sehr schmal. Einen Teil ihrer Jugend hat sie in Kliniken verbracht. Da war sie bis auf 35 Kilo abgemagert.

Lisa ist angespannt, als sie ihre Geschichte erzählt. Sie wuchs in Oberhausen auf. Das erste Mal stellte sie das Essen und Trinken mit 13 ein. Da war gerade ihr Großvater gestorben. „Ich wollte sterben. Er war nicht nur mein Opa, sondern auch mein Freund und Papa“, erzählt sie. Ihre familiären Verhältnisse waren schwierig. Die Mitschüler hänselten sie wegen eines schweren Augenleidens. Das Mädchen trieb intensiv Sport. Taekwon-Do und Rudern. Fünfmal in der Woche trainierte Lisa, immer, wenn sie Zeit hatte. Hier gab es Bestätigung.

Erst später, während der Behandlung, stellte sich heraus, dass sie zudem sieben Jahre lang missbraucht worden war. Lisa hatte es komplett verdrängt. „Als Kind denkst du, das ist normal.“

Heute weiß sie, warum sie ihrem Körper den lebensbedrohlichen Entzug antat. „Ich wollte was erreichen, was ich erreichen kann“, erzählt sie. Es war wie in der Schule: Statt guter Noten purzelten die Pfunde auf der Waage. Lisa wurde apathisch: „Wenn man hungert ist man Matsch im Gehirn. Man kann nicht denken, hat kein Gedächtnis.“

Die sechs Klinikaufenthalte änderten wenig an ihrem Kampf gegen sich selbst. Sie wurde dort durch Schläuche ernährt und mit Wasser versorgt. Nach der Entlassung begann es von Neuem. Vielleicht auch deshalb, weil nach Lisas Aussage nur die akuten Symptome behandelt wurden.

In der kleinen Bodenteicher Wohngruppe ist das anders. Es gibt einen geregelten Tagesablauf mit sechs Haupt- und Nebenmahlzeiten. „Wenn ich Probleme habe, kann ich jemand im Haus ansprechen“, erzählt Lisa. „Für mich ist das hier wie eine Familie, wo ich mich wohlfühle.“

Nach einem Jahr ist ihr Selbstvertrauen bereits so weit gewachsen, dass sie in eine Außen-Wohngemeinschaft umziehen und sich zum nächsten Schuljahr bei einer Berufsschule anmelden will. Als Sozialassistentin möchte Lisa sich um Behinderte kümmern. „Weil ich mich ein bisschen in sie hineinversetzen kann.“

Von Gerhard Sternitzke

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Zum Thema:

Hilfe gegen die Magersucht 

Bewohner der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung bleiben zwei bis drei Jahre

bl/stk Bad Bodenteich. Die Wohngruppe der Mansfeld-Löbbecke-Stiftung bietet elf Plätze für junge Menschen, die an Essstörungen wie Magersucht, Ess-Brech-Sucht oder Ess-Attacken leiden. 

Im Moment sind in der ehemaligen Molkerei an der Bodenteicher Schützenstraße zehn Mädchen und junge Frauen sowie ein junger Mann im Alter von 14 bis 23 Jahren untergebracht. Jede von ihnen hat unter den 16 Betreuern zwei Ansprechpartner. Diese Zahlen nannte die Leiterin Marja Kuhl zum Tag der offenen Tür am Sonntag.

Neben den pädagogischen Fachkräften sind ein Ernährungsberater und ein Diätassistent vor Ort. In der Küche werden die Bewohner unter anderem zu einer selbständigen Haushaltsführung angeleitet, und sie lernen selbständiges Einkaufen von gesunden Lebensmitteln. „Wir wollen ihnen dabei helfen, eine Zukunft in gesunder Selbstverantwortung aufzubauen und ihnen eine selbstbewusste Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen“, sagt Marja Kuhl. 

Essstörungen werden häufig von Erkrankungen wie Depressionen, Leistungsängsten und sozialen Phobien begleitet, erklärt die Diplom-Sozialpädagogin. Auch das erklärt die lange Aufenthaltsdauer der Bewohner. Die Stiftung arbeitet dabei eng mit der Seeparkklinik in Bad Bodenteich zusammen. 

Inzwischen weiß man, dass es eine genetische Disposition für Essstörungen gibt. Etwa die Hälfte aller Erkrankungen in diesem Bereich geht darauf zurück. Eine große Rolle bei der Entstehung spielen laut Marja Kuhl auch offene oder verdeckte Leistungserwartungen der Familien, unterdrückte Gefühle oder der Wunsch nach körperlicher Perfektion sowie Traumata aufgrund von sexuellem Missbrauch oder Gewalt. 

Während Jungen diese Spannungen häufig gegen ihre Umwelt richten, also etwa laut und aggressiv werden, richten viele Mädchen diese Aggression gegen sich selbst, erläutert Marja Kuhl. 

„Die Spätfolgen können Entwicklungsverlangsamungen, Osteoporose, Schäden an den inneren Organen und bei Frauen mit dem Menstruationszyklus sein“, erläutert die Leiterin der Wohngruppe. „Bulimie führt zu Schäden an den Zähnen und am gesamten Verdauungstrakt.“ 

Die Stiftung wurde bereits im Jahr 1833 durch David Mansfeld und Amalie Löbbecke in Braunschweig gegründet. Damals ging es darum, die Kinder der wachsenden Industriearbeiterschaft zu unterstützen. 

Heute begleitet die Mansfeld-Löbbecke-Stiftung mit Sitz in Goslar in differenzierten Wohnangeboten und Förderschulen rund 185 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene vor allem im Harz und im Harzvorland auf dem Weg zu einem selbstverantwortlichen Leben. Die Einrichtung in Bodenteich besteht seit neun Jahren.

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*Name geändert.

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