Whisky-Wodka-Grenze bei Schafwedel: Bauern sicherten sich 1945 Ackerflächen nach Trinkgelage

Landgewinn per Bierdeckel-Vertrag

+
Arnold Hübing (rechts) und Otto Lüpke stehen auf der einstigen Grenzlinie zwischen Hannover und Preußen. Eigentlich hätte dort 1945 die Demarkationslinie verlaufen müssen, doch nach einem Trinkgelage wurde sie an den Waldrand im Hintergrund verlegt.

Siemkenmühle. Wenn Arnold Hübing auf die Wiesen östlich des ehemaligen Gutes Siemkenmühle bei Schafwedel blickt, muss er schmunzeln.

Eigentlich hätten diese Flächen 1945 der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen werden müssen – zumindest wenn der historische Grenzverlauf zwischen. Hannover und Preußen zugrunde gelegt worden wäre. Doch nach einem Trinkgelage örtlicher Bauern mit Vertretern der alliierten Grenzkommission gingen damals etwa 100 Hektar Land an die britischen Zone – und damit an die spätere Bundesrepublik – über.

„Da wurde viel Alkohol getrunken. Deshalb nennt man das hier auch die Whisky-Wodka-Grenze“, erklärt Hübing. Für den heute 76-Jährigen war die Änderung des Grenzverlaufs ein Glücksfall. Denn seine Familie übernahm 1959 das Gut Siemkenmühle. Ohne die umliegenden Äcker, die den sowjetischen Grenzkommissaren bei dem Trinkgelage abgetrotzt worden waren, wäre der landwirtschaftliche Betrieb nicht überlebensfähig gewesen. Somit gibt es außer dem „Wodka-Bogen“ bei Harpe im Kreis Lüchow-Dannenberg (AZ berichtete) offenbar auch bei Schafwedel eine Änderung der Demarkationslinie nach Alkoholgenuss.

Wie das Ganze abgelaufen sein soll, das hat Hübing einst von Schafwedels früherem Bürgermeister Otto Gansebohm erfahren: Bei den Verhandlungen der britischen Grenzkommissare mit russischen Offizieren über die Grenzziehung bei Siemkenmühle hätten die Briten im Juli 1945 plötzlich Whisky auf den Tisch gestellt.

„Sie sagten: Lass uns erst mal einen trinken“, erzählt Otto Lüpke, ehemaliger bundesdeutscher Zollbeamter an der Grenze, und Hübing nickt. Die Russen wiederum holten Wodka hervor. „Dann wurde gebechert und verhandelt. Am Ende waren alle so besoffen, dass sie die Änderung des Grenzverlaufs angeblich auf einem Bierdeckel unterschrieben“, sagt der 70-jährige Lüpke. Hübing ist sich sicher: „Die Whisky-Wodka-Grenze ist keine Legende. Damals sind an vielen Stellen Flächen hin- und hergewandert.“ Und so verläuft die Grenze zwischen Niedersachsen und Sachsen-Anhalt bis heute einige hundert Meter östlich der einstigen Linie zwischen Hannover und Preußen.

Dank des Flächengewinns war es Hübing und seiner Familie möglich, das Gut Siemkenmühle viele Jahre zu bewirtschaften. Erst 1992 gab er den Betrieb auf und zog nach Bad Bodenteich. Nur einmal, 1973, drohte ihm der Verlust der zuvor gewonnenen Ackerflächen. Denn der zwischen Bundesrepublik und DDR abgeschlossene Grundlagenvertrag sah die endgültige Festlegung – und gegebenenfalls die Korrektur – des Grenzverlaufs vor. Hübing wettete mit einem Bekannten um 200 Liter Bier, dass ihm die 100 Hektar Land wieder weggenommen würden. Zu seinem Glück verlor er die Wette. „Vier Jahre lang habe ich zum Erntefest im Schafwedeler Gasthaus den Bürgern jeweils 50 Liter Bier ausgegeben“, erinnert sich Hübing grinsend. Doch dieses Opfer erbrachte er nur allzu gern.

Von Bernd Schossadowski

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare