Jens Schulze-Guhl und Rüdiger Guhl leben als schwules Ehepaar in Lüder

„Kein Geheimnis daraus machen“

Jens Schulze-Guhl (links) und Rüdiger Guhl haben sich am 2. Juli im Rahmen eines Fürbittgottesdienstes das Jawort gegeben. Trotzdem sind aber noch beide in Steuerklasse eins. Foto: Ph. Schulze

Lüder. Es mag für viele ein ungewöhnliches Bild gewesen sein: Zwei Männer im schwarzen Hochzeitsanzug lassen sich vor der Kirche in Lüder fotografieren – als frisch-gebackenes Ehepaar. So geschehen am Sonnabend, 2.

Juli, dem Datum der Hochzeit von Jens Schulze-Guhl (46) und Rüdiger Guhl (45). Als schwules Ehepaar auf dem Land schildern die beiden im AZ-Interview, wie es sich im Landkreis Uelzen leben lässt.

AZ: Wo haben Sie sich kennengelernt?

Jens Schulze-Guhl: Beim Stammtisch in Lüneburg im Januar vor zehn Jahren. Damals waren wir sehr aktiv im Verein ...

Rüdiger Guhl: ... aber seitdem wir das Haus in Lüder haben, haben wir keine Zeit mehr.

AZ: Wo haben Sie vorher gewohnt?

Rüdiger Guhl: Erst in Uelzen und dann sind wir in Rosche zusammengezogen. Im Januar 2001 habe ich mich dann auch geoutet.

AZ: Ihre Eltern wohnen auch in Rosche. Die wussten bis dahin nicht, dass Sie schwul sind?

Rüdiger Guhl: Nein, die wussten das nicht. Ich bin ihren Fragen oft ausgewichen und wollte es mir selbst nicht eingestehen. Aber irgendwann kommt die Frage: „Was ist wirklich wichtig?“ Ich musste eben selber mein Glück finden.

AZ: Und wie ging es weiter?

Rüdiger Guhl: Ich habe dann mit meinen Eltern geredet. Als Jens dann zu mir gezogen ist, haben sie gesagt, sie hätten einen Sohn dazu bekommen – und zwei Enkelkinder.

AZ: Herr Schulze-Guhl, sie haben zwei Kinder aus Ihrer ersten Ehe. Wie hat Ihre Frau reagiert, als Sie ihr gesagt haben, dass Sie schwul sind?

Jens Schulze-Guhl: Für sie brach eine Welt zusammen. Für mich aber auch. Ich habe immer eine Super-Ehe mit meiner Frau geführt. Mir war es auch nie so bewusst, aber andere haben es früher gesehen, dass ich mich schwul verhalte. Im Nachhinein ist mir vieles erst klar geworden.

AZ: Wie ist heute das Verhältnis zu Ihrer Frau?

Jens Schulze-Guhl: Ich habe immer noch ein sehr gutes Verhältnis zu ihr. Unser Sohn Luca wohnt derzeit bei uns und unsere Tochter Lina ist mal bei meiner Ex-Frau und mal bei uns.

AZ: Was hat sich für Sie nach dem Outing geändert?

Jens Schulze-Guhl: Ich bin dadurch selbstbewusster und ausgeglichener geworden.

Rüdiger Guhl: In Rosche sind wir auch schon offen damit umgegangen. Klar äußern sich auch Menschen negativ, aber wir sind nie beschimpft worden.

AZ: Und in Lüder?

Rüdiger Guhl: Lüder ist ein kleiner und konservativer Ort, hieß es, und einen Moment haben wir bei unserem Umzug kalte Füße bekommen. Wir wurden dann aber positiv enttäuscht.

AZ: Inwiefern?

Rüdiger Guhl: Als wir eingezogen sind, wurden wir gleich vom Schützenkönig eingeladen und auch die Nachbarn verlieren kein böses Wort – im Gegenteil. Nach unserer Trauung standen sie vor der Kirche und haben Strick gehalten. So wie auch einige Nachbarn selbstverständlich zu unseren Gästen zählten.

Jens Schulze-Guhl: Es kommt auch drauf an, wie man auftritt. Wenn ich mit einem rosa Handtäschen durch Rosche renne, wäre die Akzeptanz anders. Ich bin gelernter Tischler und kann auch mal helfen, wenn es erforderlich ist. Die Hochzeit war für uns ein Schritt nach vorn, obwohl wir lange überlegt haben, ob wir es machen.

AZ: Aber durch die Hochzeit haben Sie nun doch auch Vorteile wie ein „normales“ Ehepaar?

Jens Schulze-Guhl: Nein, vieles gilt für gleichgeschlechtliche Ehepaare nicht. Wir sind beispielsweise beide noch in Steuerklasse eins. Das stößt uns sauer auf.

Rüdiger Guhl: Und hätte Jens keine Kinder, könnte nur einer von uns ein Kind adoptieren, nicht wir als Ehepaar.

Jens Schulze-Guhl: Die Gesetze hinken hinterher. Trotz Heirat werden wir anders behandelt.

AZ: Und wie lebt es sich nun als Ehepaar auf dem Land?

Jens Schulze-Guhl: Wir fühlen uns sehr wohl in Lüder. Viele Schwule oder Lesben sind in die Städte geflohen. Aber wir sehen hier keine Probleme.

Rüdiger Guhl: Obwohl wir immer das Gefühl hatten, dass es in Uelzen keine weiteren Schwulen gibt.

AZ: Warum kam Ihnen das so vor?

Rüdiger Guhl: Weil es im Grunde keine richtige Szene gibt. Nur im Fachwerk gab es einmal im Monat eine Schwulen- und Lesbenparty.

AZ: Führen Sie denn eigentlich eine offene Beziehung, wie es so schön heißt?

Jens Schulze-Guhl: Nein wir führen eine monogame Beziehung.

Rüdiger Guhl: Der Pastor führte mit uns auch ein Gespräch vor unserm Termin und fragte, wie er es wohl auch bei anderen Paaren macht, warum wir es kirchlich besiegeln lassen wollen. Wir wollen eben füreinander da sein und das wollen wir mit der Hochzeit festmachen.

Jens Schulze-Guhl: Für die Heteros sind wir zu schwul, und für die Schwulen zu hetero. Bei uns stehen die Kinder an erster Stelle.

AZ: Welche Tipps würden Sie denn andren schwulen Pärchen geben?

Rüdiger Guhl: Je offener man damit umgeht, um so einfacher wird es.

Jens Schulze-Guhl: Ja, nicht verstecken, sondern auf die Menschen zugehen und kein Geheimnis daraus machen.

Von Jörn Nolting

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