Mystik, Ritter bei Aldi, Brennessel-Unterhosen, Hitparade des 12. Jahrhunderts – Bad Bodenteich erwartet ein Spektakel

Jenseits von Pommes und Techno

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Johannes Faget, ab morgen „Herold Fogelvrei“.

Bad Bodenteich. Vom morgigen Sonnabend an bis zum 1. Mai steckt Bad Bodenteich in einer Zeitmachschine: Über 300 Mittelalter-Freunde, die bei einem „Reenactment“ das Mittelalter wieder aufleben lassen, sind in dem Flecken zu Besuch.

AZ-Redakteur Kai Hasse hat mit Johannes Faget gesprochen, Leiter der „Fogelvrei Produktionen“, die das Spektakel organisieren.

Herr Faget, wie nennen Sie sich denn während des Marktes?

Da bin ich dann „Herold Fogelvrei“, vorn mit F und in der Mitte mit V. Vogelfrei hießen im Mittelalter Recht- und Ehrlose. Aber da gehören wir nicht recht hin, deshalb haben wir das von den Fogelvrei Produktionen umgedreht. Und die Städte und Gemeinden heißen uns willkommen, wir haben so einiges zu zeigen.

Erzählen Sie.

Alles jenseits von Pommes und Techno. Wir zeigen, dass es in unserer digitalisierten Welt auch noch etwas Analoges gibt.

Wie die Musik. „Mitreißende Melodeien aus der alten Welt“ soll es geben. Was erwartet den Besucher da?

Die Hitparade des 12. bis 16 Jahrhunderts. Also noch vor Ilja Richter. Das sind zum Teil Gassenhauer der damaligen Zeit.

Wie zum Beispiel?

Shirazula oder Ungareska oder...

Ohje, wie schreibt man das? Shi-ra-zu-la?

Genau. Eigentlich können Sie das so schreiben wie Sie wollen. Im Mittelalter gab es da noch keine verbindlichen Regeln. Schreiber haben da die Dinge so aufgeschrieben, wie sie es gehört haben.

Was sind denn die schrägsten Melodeien?

Oh, wir haben viele. Ich bin recht stolz, dass „Scherbelhaufen“ dabei ist, die sind im oberen Drittel der mittelalterlichen Gruppen. Richtig freue ich mich aber auch, dass wir jetzt „Hosoo“ und seine Transmongolia-Gruppe dabei haben mit ihrem Höömoii-Gesang. Das ist Oberton-Gesang aus den mongolischen Steppen. Man singt quasi mit dem Kehlkopf, nicht mit dem Mund.

Melodisches Röcheln?

Auf jeden Fall ist es melodisch. Moment, ich mach das mal an... (legt eine CD ein).

Dieses hohe Singen da? Ach, das klingt ganz gut.

Ja, es flirrt so, hören Sie?

Ein wenig wie Vogelzwischern in einem konstanten Ton.

Richtig, „Hosoo“ hat in ganz Europa Furore damit gemacht. Er wird bei der Walpurgisnacht am 30. April auftreten.

Walpurgisnacht, das klingt interessant... Was wird der Ortspastor dazu sagen?

Nun, die Walpurgisnacht ist teilweise noch vorchristliche Tradition. Wir setzen das mittelalterlich an, aber mit einem fantastischen Touch. Walpurgis kann man natürlich feiern, indem man sich 20 Schierker Feuerstein hinter die Binde kippt und dann barbusige Frauen rumlaufen lässt. Aber das wollen wir nicht. Unsere Walpurgisnacht soll ein Fest für die ganze Familie sein. Mystische Figuren, Szenisches Spiel, Stationen mit Wesen aus der Anderswelt und eine Inszenierung mit Walpurgisfeuer. Eine kinderfreundliche Walpurgisnacht also, bei der Kinder willkommen sind, und sich dann oft als Feen oder Elfen verkleiden.

„Erquickliches Gesöff“ jeglicher Art wird angekündigt. Und wenn ich das loswerden muss, gehe ich dann in den Busch?

Das war wohl früher so. Aber wir haben für Toiletten allerorten gesorgt. Es gibt bei der Burg ja ein vollkommen erschlossenes Gelände.

Und wo stellen wir modernen Menschen unsere motorisierten Kutschen ab?

Es gibt einen Einweisungsdienst und Parkplätze am Randbereich von Bad Bodenteich. Dort werden dann Leute mit gelben Westen den Weg weisen. Die Bad Bodenteicher werden weiterhin ihre eigenen Parkplätze haben. Und wenn es Probleme gibt, gibt es einen Notfalldienst von Ortskundigen. Da ist die Zusammenarbeit mit den Bodenteichern hervorragend.

Wo kommen eigentlich all die Teilnehmer unter?

In Zelten. Es gibt ein großes Heerlager, wo die Leute so leben, wie es vor Jahrhunderten üblich war. Dieses „Reenactment“ der Damaligen Zeit ist der Versuch, die Zeit von damals nachzuleben. Die schlafen dort, kochen am Feuer - die ganz Harten haben selbstgewebte Unterwäsche aus Flachs, Leinen und Brennesseln an.

Aber die gehen trotzdem beim Supermarkt einkaufen...

Ja, das ist zum Teil sehr witzig. Morgens laufen dann hunderte Ritter und Edeldamen durch den Ort zu Aldi. Und sie kaufen dort ihre Grundlebensmittel wie Gemüse ein, bleiben aber immer in ihrem mittelalterlichen Duktus.

Von Kai Hasse

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