Schienen spielten Schicksal für Bad Bodenteicher Gasthaus „Am Bahnhof“

In der Hand der Bahn

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Ansicht aus der Vergangenheit: So sah das Gasthaus „Am Bahnhof“ einmal aus.

Bad Bodenteich. Eigentlich ist im Bad Bodenteicher Gasthaus „Am Bahnhof“ immer was los. Ursula Pieper öffnet das Haus morgens um zehn, und da treffen mitunter schon die ersten Gäste zum Frühstücken und Klönschnack ein.

Geburtstage werden hier gefeiert, Familienfeste durchgeführt, Versammlungen abgehalten. Je nach Größe der Gesellschaft stehen entsprechende Räume zur Verfügung. Am beliebtesten ist natürlich der Raum mit der Theke und kleinen Rückzugsmöglichkeiten in Nischen. Der Kicker-Tisch wird von der jüngeren Generation angenommen, die gern in lockerer Runde zusammensitzt und Pläne schmiedet. Meistens freitags. Unterstützt wird die Gaststätteninhaberin von ihrer Tochter und dem Enkelsohn. Donnerstags gönnt sich Ursula Pieper einen Ruhetag.

Das Gasthaus kann auf eine lange Geschichte zurückblicken und hat so einiges mit der Eisenbahn zu tun, wie man sich unschwer vorstellen kann. Innerhalb von sieben Jahren verlor Bodenteich bis 1859 seine bis dahin bedeutende Stellung als Sitz der Verwaltung und eines Amtsgerichtes. In der Entwicklung des Fleckens trat ein Stillstand ein, der sich erst ändern sollte, als 1900 die Eisenbahnlinie Uelzen-Braunschweig eröffnet und in Bodenteich ein Bahnhof gebaut wurde. Gleich gegenüber ist ebenfalls eine Gaststätte, die heute immer noch in Familienbesitz ist. Albert Brunhöfer, der Vater der heutigen Betreiberin, führte die Kneipe, als die Eisenbahn ein zweites Mal Schicksal spielte… Der 25. März 1945 war ein Sonntag, ein milder Vorfrühlingstag und trotz der Kriegszeit fast schon eine Idylle. An Bodenteich schien der Krieg ohne Schäden vorüber ziehen zu wollen. Auf dem Bahnhofsvorplatz herrschte trotz des Sonntages reges Treiben, Bauern brachten Kartoffeln zum verladen. Das Unheil lauerte in einem Waggon, der mit hochexplosivem Pulver gefüllt auf einem Abstellgleis am Bahnhof stand. Mit unvorstellbarer Wucht explodierte der Waggon um 11.10 Uhr. Weit über 70 Personen verloren an diesem Sonntag ihr Leben. Unter ihnen die gesamte Familie von Albert Brunhöfer. Der spätere Bürgermeister konnte als einziger Überlebender aus den Trümmern seines Gasthauses geborgen werden, von dem nur noch die Kellerräume vorhanden waren.

Albert Brunhöfer baute die Gaststätte wieder auf und verstarb 1960. Im Alter von nur neun Jahren erbte Tochter Ursula das Gasthaus und übernahm es nach erfolgter Schul- und Berufsausbildung im Jahre 1975. Seit fast vier Jahrzehnten nun führt sie mit ruhiger Hand den Betrieb, findet dabei immer ein nettes Wort für ihre Gäste, die zum Früh- oder Dämmerschoppen kommen, ihr Bierchen oder den Kaffee trinken und auch die bodenständigen Angebote aus der Küche zu schätzen wissen.

Brauchtum und Tradition treffen im Gasthaus aufeinander, wenn in Bad Bodenteich Schützenfest gefeiert wird. Die „Jägerkompanie“ der Schützengilde richtet in der Gaststätte „Am Bahnhof“ ihre Hauptwache ein. Sie treffen sich zu Versammlungen und starten von hier am „Jägertag“ zum traditionellen Zapfenstreich, der seinen Ursprung im Mittelalter hat. Eine Patrouille der Grünuniformierten erhält den Auftrag, gegen Mitternacht die Schließung aller Bierhähne (Zapfhähne) zu kontrollieren, um die Leistungskraft der Dienst leistenden Gildebrüder am bevorstehenden Tag des Königs zu erhalten.

Der Männerchor Bodenteich hat hier sein neues Zuhause gefunden. Montags treffen sich die Sangesbrüder zu ihren Übungsabenden und zur Jahreshauptversammlung im Januar. Feuerwehr, Skatclub, Schachverein, Modelleisenbahnclub oder auch die „54er“, eine Forstinteressengemeinschaft, treffen sich regelmäßig zum Gedankenaustausch. Und mit etwas Glück kann man im Gasthaus auch auf Männer in gestreifter Häftlingsbekleidung treffen. Das sind keine „Entflohenen“, sondern einfach die „Düsseldorf-Fahrer“, eine karnevalistische Gruppierung aus den Reihen der Feuerwehr, die nicht nur am 11.11. eines Jahres zusammenkommt und die Rosenmontagsfahrt in die Karnevalshochburg am Niederrhein plant.

Seit mehr als einem halben Jahrhundert bildet ein massiver Stammtisch den Mittelpunkt des Kneipenraumes. Albert Brunhöfer stellte einst das Eichenholz zur Verfügung. Freunde aus Lüder zimmerten daraus einen runden und schweren Tisch. So schwer, dass eine einzelne Person nicht in der Lage sein dürfte, ihn allein auf die Straße schaffen zu können. Sollte es dennoch jemand schaffen, so gehört der Tisch ihm. „So hat es jedenfalls mein Vater damals mündlich verfügt“, lächelt Ursula Pieper. Nun ja, einmal stand der Tisch schon auf der Straße. Bei der Einweihung des neuen Bahnhofvorplatzes vor einigen Jahren haben Stammgäste ihre Lieblingsabstellfläche einfach nach draußen getragen und in geselliger Runde die Feierlichkeiten verfolgt.

Von Ulrich Bleuel

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