Seit 30 Jahren fahren Berni Nowak und Mitstreiter Hilfsgüter nach Polen

Oft fehlt es am Nötigsten

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Endlich angekommen, geht es ans Auspacken der mitgebrachten Hilfsgüter.

Bad Bodenteich/Landkreis. Es sind die Gesichter und Geschichten, die Jürgen Block im Gedächtnis bleiben. Da ist zum Beispiel Adam, 86 Jahre alt.

Adam lebt in Warschau, nur in den Sommermonaten zieht es den hageren Alten in seine Datscha auf einem verwilderten Grundstück im Umland. Physiker sei er, berichtet Adam in klarem Deutsch mit polnischem Akzent, Spezialist „für Strahlungen aller Art“ und hat deswegen in der ehemaligen Sowjetunion, in Dänemark und Lybien gearbeitet.

Da sind Anna, eine Ärztin und ihr Ehemann Marciej, die mit drei Hunden und zwei Katzen in Lubno leben, gastfreundlich und herzlich sind. Und da ist jenes alte, untersetzte Ehepaar, „mit faltenreichen und arbeitsgekrümmten Händen“, erzählt Jürgen Block, das in einem „kleinen Holzhaus mit einem wellenschlagenden Teerdach“ lebt; beide haben „abgetragene Kleidung, seine weite Pluderhose zeigt auf dem Knie ein deutlich sichtbares Loch von Kronenkorkengröße, schlimmer jedoch noch der einzige Zahn, den man sieht, wenn er spricht.“

Sie alle hat der Eppenser Jürgen Block auf einer Reise nach Polen getroffen, auf die er sich zusammen mit dem Bodenteicher Jugendzentrums-Urgestein Berni Nowak und Mitfahrer Werner Dramsch gemacht hat. Als „Hilfstransport“ könnte man das Unterfangen etikettieren oder als grenzübergreifenden Freundschaftsdienst mit langer Tradition. Denn seit bereits knapp drei Jahrzehnten organisiert Nowak den regelmäßigen deutsch-polnischen Hilfsdienst, 30-jähriges Jubiläum ist im Frühjahr nächsten Jahres.

Angefangen hat alles in Nowaks damaligem Job als Referent für Jugendarbeit im Roten Kreuz, er sollte Spendenfahrten koordinieren – und hat damit, als er kurz darauf das Bodenteicher Jugendzentrum in seine Obhut übernahm, „kurzerhand weitergemacht“, sagt er. Immerhin hätten die polnischen Bekannten ihn gebeten: „Mensch, kannst du nicht einfach weitermachen und zu uns kommen?“ Berni Nowak machte weiter und kommt bis heute regelmäßig zu den vielen Menschen, die bis heute dankbar für Hilfe sind.

Es gibt stets unterschiedliche Routen, im Zwei-Jahres-Abstand alterniert sie zwischen Nord- und Südroute. Ein bis drei Mal im Jahr macht er sich auf, zusammen mit Mitstreitern und Freunden, die sich an der Finanzierung der Fahrt beteiligen. In einem Transporter mitsamt Anhänger, eine gute Tonne schwer, reist man, um im Uelzener Landkreis nicht mehr gebrauchte Kleidung, Möbelstücke oder Kinderspielzeug an jene zu liefern, die mitten in Europa arm sind. Familien gehören dazu, Alten- und Kinderheime, Kirchengemeinden, die Caritas, das Rote Kreuz.

Vor 30 Jahren, als Nowaks Transporte begannen, war die Lage jenseits des Eisernen Vorhanges wesentlich prekärer, aber auch heute, knapp acht Jahre nach der Aufnahme Polens zum Vollmitglied der EU, ist der Handlungsbedarf trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs groß. „Viele Menschen“, erzählt Nowaks Mitstreiter Jürgen Block, „sind vom Aufschwung schlichtweg abgehängt und leben in Umständen, die wirklich beklemmend sind“, sagt Jürgen Block. „Dinge, die für uns selbstverständlich sind – eine Zentralheizung, doppelte Fenster, wärmende, heile Kleidung – all das fehlt mitunter.“

Die Hilfe von Nowak und seinen Mithelfenden ist unbürokratisch und unmittelbar, fast freundschaftlich. Wie im Falle jener Witwe, die Nowak, Block und Dramsch besuchten. Zusammen mit ihrer 25-jährigen, gelähmten und geistig behinderten Tochter lebt die Frau in einem kleinen Haus, lebt von einer kleinen Witwenrente. Einige Tage zuvor waren ihr bei einem Einbruch 1000 Zloty gestohlen worden, umgerechnet 400 Euro sind das – „und damit musste sie wohl länger als einen Monat auskommen“, berichtet Block, der kurzerhand diesen Verlust mit dem, was sein Portemonnaie just bereithielt, wenigstens ein bisschen auszugleichen suchte.

Man wohnt bei Freunden, erlebt Armut genauso wie Lebensfreude und jede Menge Gastfreundschaft mit üppigen Frühstückstafeln und kleinen Abschiedsgeschenken – von selbstgeschnitzten Holz-Skulpturen bis zu einer kleinen Taschenlampe vom Physiker Adam.

Genauso wichtig wie die Uelzener Hilfsgüter für die polnischen Freunde sind für Jürgen Block die Erfahrungen, die er während seiner mittlerweile drei Polen-Touren mit Berni gesammelt hat: „Solche Bilder rücken doch die eigenen Maßstäbe ein wenig zurecht“, sagt er. Für Berni Nowak kommt neben der Erkenntnis, dass „wir hier alles im Überfluss haben“ und man mit kleinen Geschenken dort vielen eine große Freude machen kann, auch noch zum Tragen, dass seine Vorfahren aus dem heutigen Polen – damals Oberschlesien – kommen. Durch die Transporte „habe ich mit anderen die Möglichkeit, das Land und die Mentalität der heutigen Bewohner besser kennen zu lernen“, sagt er.

Das Gefühl, anderen helfen zu können, hält Berni Nowaks Polen-Projekt am Laufen. Und das im Übrigen auch weiterhin. Der nächste Transport ist für das kommende Frühjahr geplant.

Von Janina Fuge

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