Mai Nguyen erzählt über ihren Fall

Bad Bodenteicherin wurde jahrelang missbraucht: Vom hilflosen Opfer zur starken Frau

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Obwohl sie inzwischen in Heidelberg lebt, ist Mai Nguyen regelmäßig in ihrer Heimat Bad Bodenteich zu Besuch. Im AZ-Gespräch erzählt die 27-Jährige, wie sie als Kind jahrelang von einem Freund der Familie sexuell missbraucht wurde.

Bad Bodenteich – Als Kind wurde die Bad Bodenteicherin Mai Nguyen jahrelang von einem Bekannten ihrer Familie sexuell missbraucht. Vor dem Landgericht Lüneburg hat die junge Frau vor etwa zwei Monaten gegen ihren Peiniger ausgesagt.

Dieser wurde daraufhin zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Im Gespräch mit der AZ erzählt Mai Nguyen, die inzwischen in Heidelberg lebt, jetzt zum ersten Mal über ihren Fall.

Auf diesen Moment hat sie 13 Jahre gewartet – und ihn zugleich gefürchtet. Doch jetzt gibt es für Mai Nguyen kein Zurück mehr. Zusammen mit Familienangehörigen und ihrem Lebensgefährten wartet sie vor zwei Monaten im Flur des Lüneburger Landgerichts auf ihren Prozess. Die 27-Jährige tritt darin als Nebenklägerin gegen einen 28 Jahre älteren Mann auf, der sie schwer sexuell missbraucht hat, als sie ein Kind war. Damals lebte sie mit ihrer aus Vietnam stammenden Familie in Bad Bodenteich (AZ berichtete).

Ihren früheren Peiniger erkennt die gebürtige Uelzenerin schon von Weitem. Langsam nähert er sich ihr im Gerichtsflur. Ein unscheinbarer Mann mit schwarzem, glattem Haar und dunkler Hornbrille, gekleidet in einen einfachen dunkelblauen Anzug. Zum ersten Mal seit 13 Jahren sieht Mai Nguyen den Mann, der ebenfalls aus Vietnam stammt und einst ein Freund ihrer Eltern war, wieder. Plötzlich steigen in ihr all die Gefühle auf, die sie so lange unterdrückt hat. „Ich hatte Herzpochen und Schweißausbrüche, die alte Angst kam in mir wieder hoch“, erzählt die junge Frau der AZ, und ihre Stimme wird unwillkürlich leiser. „Aber ich hatte auch die Stärke und Gewissheit, dass die Rollen jetzt andere sind.“

In diesem Augenblick ist Mai Nguyen nicht mehr das hilflose Opfer, sondern eine starke Frau. Und sie hat ein Ziel: Sie will den Angeklagten, der sie einst auf perverse Weise missbraucht hat, hinter Gittern sehen. In ihren Augen ist er ein Monster, das weggesperrt werden muss. Doch dann geschieht etwas, womit die 27-Jährige nicht gerechnet hat. Der Mann fällt plötzlich vor ihr auf die Knie. Schluchzend fleht er Mai Nguyen um Vergebung für seine Taten an. Dabei macht er sich so klein wie möglich – voller Scham senkt er sein Haupt, bis es fast den Boden des Gerichtsflurs berührt.

Das Bild des übermächtigen Mannes ist zerbrochen

Der unerwartete Kniefall stellt für Mai Nguyen alles auf den Kopf. „Da habe ich ihn nicht mehr als das Monster gesehen“, sagt sie. „Das Bild des übermächtigen Mannes ist in diesem Moment zerbrochen.“ Die junge Frau weiß, was diese Geste in der vietnamesischen Kultur bedeutet. Ein Mann, ein älterer noch dazu, steht im streng hierarchischen Gefüge über einer jungen Frau.

Doch mit seiner demonstrativen Unterwerfung hat er nicht nur seine Schuld eingestanden, sondern auch seinen niedrigeren Rang deutlich gemacht. In der Kultur Vietnams ist das die größtmögliche Geste der Demut. „In diesem Moment wollte ich nicht mehr, dass er in Haft muss“, sagt Mai Nguyen. Für sie habe die Entschuldigung ausgereicht.

Nach fünf Prozesstagen am Landgericht spricht der Richter Ende September das Urteil. Der Angeklagte wird wegen mehrfachen schweren sexuellen Missbrauchs, in einem Fall in Tateinheit mit Vergewaltigung, zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Mai Nguyen selbst hatte das Gericht gebeten, nur eine Bewährungsstrafe zu verhängen. „Ich habe nichts davon, wenn er im Gefängnis sitzt“, erklärt sie. „Ich habe meinen Frieden dadurch erhalten, dass man mir vor Gericht geglaubt hat.“ Außerdem nehme sie dem Täter die Reue ab.

Die AZ ist die erste Zeitung, mit der Mai Nguyen nach dem Gerichtsprozess über ihren Fall spricht. „Ich möchte Gesicht zeigen und Farbe bekennen“, sagt sie. Ihr Ziel sei, das stereotypische Bild des Opfers infrage zu stellen. Zugleich will sie anderen Frauen, die sexuell missbraucht wurden, Mut machen, sich mit ihrer persönlichen Geschichte auseinanderzusetzen. „Sie sollen sie nicht verdrängen, sondern sie bearbeiten. Ganz egal, was es am Ende bedeutet.“

Mai Nguyen selbst hat viele Jahre geschwiegen – aus Scham, aber auch, weil sie die Abgründe des sexuellen Missbrauchs ihrer Familie nicht zumuten wollte. Erst Ende 2016 fand sie den Mut, ihren Peiniger bei der Polizei anzuzeigen. Doch danach fiel sie in ein tiefes Loch, litt unter Kälteattacken, Depressionen, Konzentrationsstörungen und plötzlichen Erinnerungen an die Taten. Ihren Job im Management der BASF in Ludwigshafen gab sie im Mai 2018 auf – am Ende ging es psychisch einfach nicht mehr.

Und wie fühlt sie sich heute? Die junge Frau, die inzwischen in Heidelberg lebt, streicht sich durch ihr kurzes schwarzes Haar und lächelt. „Es geht mir unglaublich gut. Ich bin sehr gelöst seit dem Ende des Prozesses. Es ist ein bisschen so, als ob alles in mir sagt: Jetzt kann ich das Thema loslassen.“ Die Psychotherapie habe ihr sehr geholfen. Jetzt blickt sie wieder voller Zuversicht in die Zukunft.

Vor einiger Zeit hat Mai Nguyen begonnen, ein Buch über ihren Fall zu schreiben. Es verbindet autobiografische Details mit fiktiven Beschreibungen der Sichtweise des Täters. Als sie ihr Vorhaben in Online-Medien öffentlich machte, erlebte sie eine überwältigende Resonanz. „Bei mir haben sich mehr als hundert Frauen und zwei Männer gemeldet, denen ein ähnlicher Missbrauch passiert ist“, erzählt sie. „Da habe ich gemerkt, das Projekt ist so viel größer als ich.“

Ich bin für andere ein Leuchtfeuer

Mai Nguyen will die Betroffenen interviewen und die Berichte in ihr Buch einfließen lassen. „Ich will Reden halten, mein Buch auf Lesetouren vorstellen und anderen Menschen helfen, ihren Weg zu gehen.“ In den vergangenen Monaten hat sie eine Ausbildung zur Yogalehrerin absolviert und Weiterbildungskurse in Thaimassage und Acro-Yoga, einer Form von Partnerakrobatik, belegt. Inzwischen gibt sie dazu auch Workshops.

Woher nimmt sie diese Stärke, diesen Lebensmut? Sie glaube fest daran, dass jeder Mensch eine Seele habe und mit einem Auftrag auf die Welt komme. Ihren hat sie jetzt erkannt. „Ich gehe voran, ich breche Tabus und bin für andere ein Leuchtfeuer“, sagt sie. „Ich spreche über Themen, die sich andere nicht trauen.“

VON BERND SCHOSSADOWSKI

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