Medizinischer Bedarf steigt – Seepark-Klinik hofft auf Millionen vom Land

Akutbetten für Essgestörte

„Zwischen Leben und Sterben“: Aygül Özkan wurde gestern von Ulrich Fernim direkt mit Patienten konfrontiert, die an Über- oder Untergewicht leiden. Im Hintergrund lauscht Edgar Staßar. Foto: lw

Bad Bodenteich. Die Ausgangslage ist klar: Die MediClin Seepark-Klinik in Bad Bodenteich möchte ihre Anzahl an Akutbetten für Patienten mit Essstörungen von derzeit 35 auf 60 erhöhen.

Der Grund: Die enorme Zunahme an kranken Menschen, die an Anorexie (Magersucht) oder an Adipositas (Ess-Sucht) leiden. Doch eine aus medizinischer Sicht notwendige Erweiterung der Klinik kostet Geld. Richtig viel Geld. Rund 17 Millionen Euro müssten nach Auskunft der Verantwortlichen in einen Erweiterungsbau investiert werden. Ein Millionenprojekt, das der MediClin-Krankenhauskonzern als Träger der Bad Bodenteicher Einrichtung nicht alleine stemmen kann. Also muss Hilfe her – vom Land Niedersachsen. „Da müssen wir ein dickes Brett bohren, denn die Bettenkapazitäten können nicht ohne Absprache mit Politik, Verwaltung und Krankenkassen einfach so erhöht werden“, weiß der heimische Landtagsabgeordnete Jörg Hillmer. Gestern Mittag wurde der erste Bohrer angesetzt – an der politischen Spitze, bei Niedersachsens Gesundheitsministerin Aygül Özkan.

Um dem Gast aus der Landeshauptstadt die Vorzüge der Seepark-Klinik, den Bedarf an zusätzlichen Akutbetten und den engen Schulterschluss der kommunalen Vertreter zu demonstrieren, wartete ein entsprechend großes und prominentes Aufgebot: Ulrich Fernim (Kaufmännischer Direktor der Klinik), Chefärztin Sabine Zahn, Samtgemeindebürgermeister Harald Behnecke, Bodenteichs Bürgermeister Edgar Staßar, CDU-Kreistags-Fraktionschef Claus-Dieter Reese sowie weitere Politiker aus der Region. Und, nicht zu vergessen: Auch MediClin-Vorstandsvorsitzender Frank Abele aus der Konzernzentrale im badischen Offenburg hatte sich auf die lange Reise in den Kurort in der norddeutschen Tiefebene gemacht.

„Es ist eng bei uns. Obwohl wir nur 35 Akutbetten laut Plan haben, sind derzeit 40 Patienten bei uns in Behandlung. Bei essgestörten Patienten rechnen wir mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von 63 Tagen“, nannte Chefärztin Sabine Zahn konkrete Zahlen. Diese untermauerte Ulrich Fernim: „Bei Anorexie gehen wir pro Woche von einer Gewichtszunahme von ein bis anderthalb Kilo aus – inklusive der Rückschläge.“ Mit anderen Worten: Wer mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 8,4 eingeliefert wird, „bewegt sich zwischen Leben und Sterben“, wie Sabine Zahn schilderte. Zum Vergleich: Ein normalgewichtiger Mensch hat einen BMI zwischen 18,5 und 25. Nach Bad Bodenteich kommen aber auch 16-Jährige, die 150 Kilogramm auf die Waage bringen. „Da werden seelische Probleme durch Essverhalten kompensiert“, machte Zahn deutlich. Gerade bei jüngeren Menschen sei die Tendenz zu Essstörungen – ob Über- oder Untergewicht – extrem ansteigend. Anschauliche Fakten, die die Ministerin serviert bekam. Ohne aber einen Schnellschuss zu tätigen. „Ich habe einen Einblick in diese spezielle Klinik bekommen. Wir werden jetzt schauen, welche Entscheidungen der Krankenhausplanausschuss im Oktober trifft. Dort sitzen unter anderem Krankenkassenvertreter und Mitglieder der kommunalen Spitzenverbände, um über die Vergabe von Finanzmitteln zu entscheiden“, hielt sich Özkan gestern (noch) bedeckt. Der Bohrer muss weiter drehen.

Von Andreas Becker

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