473 Fälle von Magersucht im Jahr 2016 in Bad Bodenteicher Seepark-Klinik

„So ähnlich wie ein Virus“

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Die Magersucht ist die tödlichste psychische Krankheit.

Bad Bodenteich. Zu Tode gehungert: Erst vor kurzem schockierte viele Menschen die Nachricht, dass die 29-jährige Henriette Hömke, frühere Miss Sachsen und Ex-Freundin von Schalke-Torwart Ralf Fährmann, ihrer Magersucht erlag.

Eine Erkrankung, die in den vergangenen Jahren vermehrt diagnostiziert wird, wie Ulrich Fernim, Kaufmännischer Direktor der Seepark-Klinik Bad Bodenteich, auf IK-Anfrage berichtet. „Früher kannte man die Krankheit noch nicht, daher konnte sie auch nicht diagnostiziert werden.“ Dass die Anzahl an Erkrankten im Laufe der vergangenen Jahre vermeintlich gestiegen ist, führt Fernim größtenteils darauf zurück, dass die Krankheit zwar schon in der Menge aufgetreten sei, doch dass sie erst jetzt vermehrt diagnostiziert werden könne. „Außerdem kann es auch daran liegen, dass die Magersüchtigen heutzutage wesentlich älter werden als früher.“ Während diese früher meist jung verstarben, können sie laut Fernim durch die gute medizinische Behandlung heute Rentner werden. Allein in der Seepark-Klinik sind in 2016 rund 473 Fälle verbucht, wie die Leitende Oberärztin Bianca Schwennen berichtet. „Es gibt gemischte Ursachen für die Krankheit. Sie kann sowohl psychisch hervorgerufen werden, aber auch genetisch veranlagt sein.“ Daher seien auch die Behandlungsweisen gravierend unterschiedlich – je nachdem, welche Ursache die Krankheit hervorgerufen habe, und je nachdem, wie stark untergewichtig die Patienten seien, werde entweder stationär oder ambulant behandelt. „Ist die Ursache psychisch, findet eine Psychotherapie zusätzlich statt.“

Laut Fernim ist es die am tödlichsten verlaufende psychische Krankheit. Tritt keine Besserung ein, komme es irgendwann zum Organversagen. Einige Erkrankte nehmen sich sogar das Leben. „Die Krankheit ist so ähnlich wie ein Virus. Der steckt in dir, manchmal bricht er aus, sonst schlummert er unter der Oberfläche. Das ist ein wellenartiger Verlauf.“ Die Krankheit trete vermehrt bei Frauen auf, jedoch sei die Menge an erkrankten Männern ebenfalls ernst zu nehmen. Oft rutschen die Patienten auch durch zwanghaft gesunde Ernährung, genannt Orthorexie, oder durch zwanghafte Sportausübung in die Magersucht.

Doch nicht nur die Erkrankten, sondern auch die Angehörigen und Freunde leiden als Co-Betroffene unter der Magersucht. „Viele Angehörige haben Schuldgefühle oder leiden unter einem starken Druck, wenn sie mitbekommen, wie schlecht es dem oder der Betroffenen geht.“ Dafür bietet die Klinik direkt hinter der Kreisgrenze spezielle Angehörigen-Seminare an.

Von Alina Pleuß

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