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Bad Bodenteich: Werden jetzt ukrainische Flüchtlinge in alter BGS-Kaserne untergebracht?

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Von: Lars Becker

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Auf dem vom Land Niedersachsen gepachteten Gelände der ehemaligen Bundesgrenzschutz-Kaserne in Bad Bodenteich an der Stadenser Straße könnten hunderte Vertriebene aus der Ukraine unterkommen.
Auf dem vom Land Niedersachsen gepachteten Gelände der ehemaligen Bundesgrenzschutz-Kaserne in Bad Bodenteich an der Stadenser Straße könnten hunderte Vertriebene aus der Ukraine unterkommen. © Bernd Schossadowski

Etagen- statt Feldbetten, Zimmer statt Zelte: Auf dem alten BGS-Gelände in Bad Bodenteich ist die komplette Infrastruktur vorhanden, um Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine unterzubringen. Jetzt erwägt der Landkreis Uelzen die Nutzung der Liegenschaft als weitere Erstaufnahmestelle neben der alten Turnhalle der KGS Bad Bevensen.

Uelzen/Landkreis – Als sich abzeichnete, dass auf den Landkreis Uelzen die Aufgabe zukommen würde, Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine aufzunehmen, lag für viele Menschen die Frage auf der Hand: Warum wird nicht das vom Land Niedersachsen gepachtete Gelände der ehemaligen Bundesgrenzschutz-Kaserne in Bad Bodenteich genutzt, wo 2015/2016 bis zu 700 Hilfesuchende vor allem aus Syrien, dem Irak und Afghanistan betreut wurden?

Stattdessen wurde die alte Sporthalle der KGS Bad Bevensen zur Notunterkunft umfunktioniert: 15 große Zelte mit Feldbetten wurden von DRK und THW aufgebaut, um mehr als 150 Menschen dort für ein bis drei Tage unterzubringen, ehe sie andere Wohnungen beziehen. Jetzt aber zeichnet sich ab, dass der Landkreis womöglich doch noch das alte BGS-Gelände nutzen wird.

Land verneint eigene Nutzungspläne

Das geht aus den Antworten auf eine Presseanfrage der AZ hervor. Darin heißt es: „Parallel zu Einrichtung und Betrieb der Turnhalle an der KGS in Bad Bevensen als Unterkunft zur Erstaufnahme hat der Landkreis Kontakt zum Land Niedersachsen aufgenommen. Dabei ging und geht es zum einen um die Frage, ob das Land die von ihr angemietete Einrichtung in Bad Bodenteich selbst für die Unterbringung von Vertriebenen nutzen möchte. Diese Frage ist verneint worden. Zum anderen geht es um die Möglichkeit einer Nutzung durch den Landkreis. Diese Frage ist zurzeit Gegenstand von Gesprächen.“

Dazu sagt Landrat Dr. Heiko Blume: „Ich bin mit Bürgermeister Jörg Formella und Samtgemeindebürgermeister Michael Müller im engen Austausch.“ Sozialdezernentin Stephanie Buntrock erklärt, warum die Überlegungen jetzt konkret werden: „Es zeigt sich, dass der Landkreis schnell weitere Kapazitäten für eine Erstaufnahme schaffen muss. Die Lage ist äußert dynamisch – auch weil das Land beziehungsweise die Landesaufnahmebehörde Niedersachsen sowie private Initiativen unangekündigt mit Vertriebenen auf die Erstaufnahmeeinrichtung zukommen. Eine Planbarkeit ist damit kaum noch gegeben.“

Schon früh verschiedene Immobilien in den Blick genommen

Der Landkreis sei dankbar für die Unterstützung von ehrenamtlich Engagierten sowie den Einheits- und Samtgemeinden bei Unterbringung und Betreuung. Landrat Blume ergänzt zu den Hintergründen: „Eine Besonderheit ist, dass die Unterbringung der vertriebenen Menschen eine Aufgabe unmittelbar des Landkreises Uelzen und nicht der kreisangehörigen Städte und Gemeinden ist. In den meisten anderen Landkreisen ist Letzteres der Fall, so dass Erstaufnahme und Unterbringung von Vertriebenen dort in den Rathäusern organisiert wird.“

Das 25 Hektar große ehemalige BGS-Gelände in Bad Bodenteich verfügt über zehn Unterkunftsgebäude (3/6/10/11/28/29/30/35a/36/45a), eine Küche/Kantine (9), eine Sporthalle (31), Lagergebäude (15/26/29a/32), eine Sanitätsstation (44) und weitere Infrastruktur. Es könnte kurzfristig für die Unterbringung von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine genutzt werden, wie Eigentümer Eckhard Hentschke bestätigt.
Das 25 Hektar große ehemalige BGS-Gelände in Bad Bodenteich verfügt über zehn Unterkunftsgebäude (3/6/10/11/28/29/30/35a/36/45a), eine Küche/Kantine (9), eine Sporthalle (31), Lagergebäude (15/26/29a/32), eine Sanitätsstation (44) und weitere Infrastruktur. Es könnte kurzfristig für die Unterbringung von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine genutzt werden, wie Eigentümer Eckhard Hentschke bestätigt. © Google Earth/Repro

Die Entscheidung, zunächst die alte KGS-Turnhalle als Notunterkunft zu nutzen, begründete der Landkreis gestern so: „Es handelt sich um eine Immobilie des Landkreises. Der Landkreis konnte direkt auf die Halle zugreifen und äußerst schnell eine Erstaufnahme sicherstellen. Durch die Nutzung der alten Turnhalle wird zudem kein Schulsport beeinträchtigt.“ Es seien aber auch schon Anfang vergangener Woche verschiedene Immobilien in den Blick genommen worden.

E-Mails und Anrufe aus der AZ-Leserschaft

Nicht nur in der AZ-Leserschaft war die bisherige Nicht-Berücksichtigung der 25 Hektar großen, mit einer guten Infrastruktur ausgestatteten alten BGS-Liegenschaft in Bad Bodenteich, die der Gerdauer Unternehmer Eckhard Hentschke 2014 für 830.000 Euro ersteigert hatte, auf Unverständnis gestoßen.

In Anrufen und E-Mails wiesen Bürger auf die Unterbringungsmöglichkeiten hin. Der FDP-Landtagskandidat Christian Teppe hat vor Ort ein Video aufgenommen und an Ministerpräsident Stephan Weil geschickt, das BGS-Gelände zu nutzen und die Menschen aus der Ukraine vernünftig unterzubringen. „Sie haben hier die Möglichkeit, über 1000 Menschen unterzubringen – und nicht irgendwie wie zum Beispiel in unserer Kooperativen Gesamtschule. In der dortigen Turnhalle sind Feldbetten aufgestellt. Hier ist ein komplettes Dorf eingerichtet, um Menschen aufzunehmen. Über 1000 Menschen könnten hier wohnen und schlafen. Bitte sorgen Sie dafür, dass wir die Menschen hier wirklich menschenwürdig unterbringen“, so der Rechtsanwalt aus Uelzen.

25 Hektar großes Geländes westlich des Elbe-Seitenkanals

Das Land Niedersachsen allerdings wird das Gelände in Bad Bodenteich vorläufig eben selbst nicht nutzen. „Das Land ist aktuell in Gesprächen, ob eine Nutzung der Liegenschaft durch andere Behörden möglich ist“, hieß es am Mittwochabend aus der Pressestelle des Innenministeriums in Hannover. Damit sind die Gespräche mit dem Landkreis Uelzen gemeint.

Eigentümer des 25 Hektar großen Geländes westlich des Elbe-Seitenkanals ist seit 2014 der Gerdauer Unternehmer Eckhard Hentschke. Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben hatte das Gelände damals versteigern lassen. Dabei setzte sich Eckhard Hentschke gegen Eva Danneberg, Geschäftsführerin des Bodenteicher Unternehmens Werkhaus, durch. Ein erster Verkauf des Geländes für 900.000 Euro war Monate zuvor doch noch geplatzt.

Mietvertrag des Landes läuft bis zum 31. Oktober 2025

Hentschke sagte am Mittwoch im AZ-Gespräch: „Es sind alle Möglichkeiten da, die Unterkünfte könnten kurzfristig belegt werden. Es wird geheizt, das DRK bewirtschaftet das Gelände. Von den letzten Sturmschäden sind fast alle umgefallenen Bäume auch schon geschreddert.“ Letzter Untermieter auf dem Gelände war die Samtgemeinde Aue, die 2018 Kinder aus Wrestedt während des Neubaus der DRK-Kita hier unterbrachte.

Bis zu 700 Menschen waren in Bad Bodenteich in der Flüchtlingskrise 2015/2016 untergebracht worden. Es gab damals einen eigenen Kindergarten und eine Sanitätsstation. 50 Mitarbeiter des DRK-Kreisverbands Uelzen kümmerten sich um die Menschen. 2016 schlossen sich dann die Kasernentore aber schon wieder.

Nach wie vor zahlt das Land Pacht nebst Nebenkostenabschlag für das Kasernengelände. Es dient ganz offiziell als Reserveliegenschaft der Landesaufnahmebehörde Niedersachsen für den jetzt eingetretenen Fall einer neuen Flüchtlingswelle – der Mietvertrag läuft laut Innenministerium noch bis zum 31. Oktober 2025.

Die Räumlichkeiten gelten als gepflegt und jederzeit bezugsfähig, was sich jetzt für den Landkreis Uelzen als glückliche Fügung erweisen könnte, um zeitnah die Aufnahmekapazitäten für ukrainische Flüchtlinge nach oben skalieren zu können. Der BGS-Standort selbst war schon im Jahr 1998 geschlossen worden. Danach wurden dort unter anderem Polizisten während der Castor-Einsätze untergebracht.

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