AZ-Serie: Neue Technik ist in den Berufsalltag des Dachdeckers eingezogen

Zwischen Ziegel und Stroh

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Arbeit in luftigen Höhen: Dachdeckerin Anja van Ißem verlegt Mineralwolle zur Wärmedämmung auf einem Hausdach.

Jelmstorf/Landkreis. Das Dach über dem Kopf– seit Menschengedenken ein existenzielles Bedürfnis und ob Blätter, Stroh oder Ziegel so lange dieses Gewerk zurück verfolgbar ist, wurde diese Menschen des Fachs gemacht.

Schon 3000 vor Christus verwendeten spezialisierte Arbeiter, die mit dem heutigen Dachdecker vergleichbar sind aus verbranntem Ton geformte Ziegel. Sogar glasierte Ziegel fanden sich bei Ausgrabungen und nachweislich wurden sowohl im alten Griechenland aber auch in Ägypten schon Tonziegel zur Abdeckung des Daches verwendet.

Aus der Ziegelei in Jelmstorf brachten Pferdefuhrwerke die Ziegel zur Baustelle, erzählt Dachdeckermeister Jürgen Eggers aus seiner Kindheit, wie er es als Sohn eines Dachdeckermeisters noch kennt. „Die Dachdecker fuhren mit dem Rad zur Baustelle und das Material wurde mit Pferdefuhrwerken transportiert.“ Handgemachte Ziegel waren nicht immer einer wies andere „da war auch schon mal ein krummer Hund dabei“, erzählt der Mann, der kürzlich erst sein 50. Meisterjubiläum feierte. „Diese Ziegel mussten in das Dach eingepasst werden.“

Das erste eigene Fahrzeug – ein PKW mit Anhänger - schaffte der vom Großvater 1904 eröffnete Traditionsbetrieb erst 1938 an. „Früher wurde ja erst das Haus gebaut und dann die Straße, so dass wir nur über unbefestigte Wege nicht selten nicht viel mehr als nur ein ausgetretener Pfad zur Baustelle kamen.“

Die Bedingungen waren andere, Bohrer und Schneidewerkzeuge waren noch nicht elektrisch betrieben, sondern mit einer von Körperkraft bewegte Kurbel. Und auch die Leitern forderten den ganzen Mann. Die massiven Holzleitern wurden schon genau so wie heute auf dem Dach bewegt. „Nur die wogen viel mehr als die Aluleitern von heute.“

Eine wesentliche Veränderung brachten die viel günstiger produzierten Betonziegel oder Wellplatten, die allerdings inzwischen auch schon wieder fast vollständig vom Wohnhausdachmarkt verschwunden sind, „weil die Menschen heute nicht auf den Komfort verzichten wollen und sich auch leisten können.“ Daher verrichtet der Dachdecker seine Arbeit heute wieder genau wie vor 100 Jahren. Die Ziegel werden je nach ihrer Beschaffenheit, ob Hohlziegel oder Bieber-Ziegel fachgerecht auf den vorbereiteten Untergrund verlegt. Damit ist der Beruf immer noch mit einer hohen körperlichen Beanspruchung verbunden, betont Obermeister der Innung Uelzen-Lüchow-Dannenberg Henning Eggers, nachdem er zahlreiche Arbeitsgeräte aufgezählt hat, die den Arbeitsalltag des Dachdeckers wesentlich erleichtern.

Bahnbrechende Veränderungen im beruflichen Alltag, die eine hohe Kompetenz erforderten, brachten die energetischen Sanierungen aber auch vorher schon die fachliche Orientierung der Installation von Kollektoranlagen, berichtet Obermeister Eggers, der sich und seine Innungskollegen in dieser Hinsicht auch als Umweltschützer versteht. „Es gibt ein extremes Einsparpotential auch bei alten Häusern, wenn es vernünftig energetisch saniert wird.“ Inzwischen biete der Fortschritt bei Material und Technik so viele Möglichkeiten, dass die fachliche Beratung als wesentlicher Bestandteil der Ausbildung unverzichtbar sei. „Kommunikation ist wichtig.“ So könnten die Kosten für ein ordentlich saniertes Dach schon in den ersten harten Wintern bei den Heizölkosten wieder eingespart werden, die der Dachdecker realisieren kann. „Im Bereich Energie aber auch bei der Beurteilung der Materialien ist der Dachdecker heute der Fachmann.“ Diese Kompetenzen werden den jungen Menschen im Dachdecker-Betrieb aber auch in der überbetrieblichen Ausbildung im Ausbildungszentrum in St. Andreasberg im Harz vermittelt. Währenddessen erinnert sich sein 75 jähriger Vater Jürgen Eggers noch gerne an die Zeiten zurück als er mit den anderen Lehrlingen weiterer Traditionsbetriebe „an den Sonnabenden mit dem Fahrrad nach Uelzen zur Berufsschule gefahren sind.“

Von Angelika Jansen

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