Paul Frenzel möchte 106 werden / Ein neuartiger Herzschrittmacher ohne Sonden hilft ihm dabei

Ein winziger Taktgeber im Herzen

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Mit dem Herrn Doktor Stefan Erler (links) und seinem Kollegen Peter Falk hält Paul Frenzel gerne einen Schnack. Vor einer Woche hat er einen neuartigen Herzschrittmacher erhalten.

Bad Bevensen. Im Seniorenheim ist es sein Running Gag: „Die 106 will ich noch schaffen. Dann werde ich eingeschult“, erzählt Paul Frenzel und zwinkert lustig mit den Augen. Seinem Ziel ist er jetzt einen Schritt näher gekommen.

Im Herz- und Gefäßzentrum (HGZ) Bad Bevensen hat der 102-Jährige einen neuen Herzschrittmacher eingepflanzt bekommen. Das wäre für sich gesehen nichts Außergewöhnliches, wenn die Ärzte hier nicht ein ganz neues Verfahren eingesetzt hätten, das bislang nur in den großen Kliniken in Hamburg und Hannover erprobt wurde: ein Schrittmacher, der ohne Sonden auskommt.

Frenzel, 1915, zu Kaisers Zeiten, geboren, hat in seinem Leben viel mitgemacht. Von Beruf Melker, musste er in den Krieg, wurde schwer verwundet. Die Operation war dagegen ein Klacks. Das Gerät ist nur sechs Millimeter dick. Es reichte ein kleiner Schnitt, eine Punktation, dann konnte der winzige Taktgeber mit einem Katheter durch die Beinvene direkt ins Herz eingesetzt werden. Jetzt sitzt Frenzel auf seinem Rollator und erzählt gestikulierend aus seinem Leben. „Ich bin im Moment durch die Operation schlapp“, sagt er und fügt optimistisch hinzu. „Aber das wird wieder.“

Üblicherweise werden die elektrischen Impulse von Herzschrittmachern über Kabel, Sonden genannt, in die Vorkammer oder die Herzkammer übertragen. „Die langen Kabel haben eine begrenzte Haltbarkeit. Nach neun Jahren häufen sich Defekte“, erklärt Peter Falk, Oberarzt der Kardiologie am HGZ. Kabel können brechen, Keime sich auf den Oberflächen ansiedeln. Diese Probleme gibt es mit dem Leadless Pacer nicht.

Das Gerät, das Stefan Erler zwischen zwei Fingerspitzen nimmt, besitzt elastische Krallen aus einer speziellen Metalllegierung. „Es wird an der Herzzwischenwand festgehakt“, erklärt der Oberarzt der Herz-Thorax-Chirurgie und hält den Schrittmacher an die Zwischenwand eines Herzmodells. Im Vergleich zu dem Organ ist er tatsächlich winzig klein. „Das spürt man nicht. An der Herzinnenseite sind keine Nerven“, beruhigt Falk.

Trotz der großen Vorteile wird die neue Technik zunächst nur in Einzelfällen eingesetzt, nämlich dann, wenn das Einsetzen eines Schrittmachers auf konventionellem Wege nicht mehr in Frage kommt. Das ist vor allem dann der Fall, wenn ein vorhandenes Gerät seine Lebensdauer erreicht hat und die Vene verstopft oder infiziert ist. Zur Stimulation der Herzvorkammer ist der Winzling nicht geeignet.

Der Hersteller garantiert für Paul Frenzels Herzschrittmacher mindestens eine Batterielaufzeit von zehn bis zwölf Jahren. Dann ist der rüstige Senior bereits in die Oberschule.

Von Gerhard Sternitzke

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