Abschied vom Landarzt: Drei Bevenser Ärzte teilen sich jetzt medizinische Versorgung in Himbergen

Versorgung im Rotationsverfahren

Die digitale Krankenakte auf dem Bildschirm ermöglicht auch verschiedenen Ärzten eine kontinuierliche Behandlung eines Patienten. Foto: Bräutigam

Himbergen. Immer weniger Landärzte in der Fläche bereiten Patienten wie Medizinern, wie berichtet, schon seit längerem Sorgen.

Holger Schmidt, Sprecher der niedergelassenen Ärzte in der Bezirksstelle Lüneburg, sprach gar von einem „Horrorszenario“, wenn es statt Hausärzten auf dem Land womöglich nur noch medizinische Zentren in den Städten Uelzen und Bad Bevensen geben sollte. In der Gemeinde Himbergen ist das keine Zukunftsmusik mehr, sondern seit dem 1. Juli Realität. Und alles andere als ein Horrorszenario, betonen Dr. Martin Vietor und Himbergens stellvertretender Bürgermeister Jürgen Hinrichs. Im Gegenteil.

Die so genannte örtliche Berufsausübungsgemeinschaft am Krummen Arm in Bad Bevensen hat eine Zweitpraxengenehmigung in Himbergen erhalten. Vietor teilt sich in der Himberger Praxis im Rotationsverfahren mit seinen beiden Kollegen Dr. Patrick Harmelink und Dr. Andreas Klingbeil die Behandlung der Patienten vor Ort. Zuvor hat hier Dr. Gerhard Köbler den Himbergern Diagnosen gestellt und ihre Leiden behandelt. 30 Jahre lang. Jetzt zieht sich aus Altersgründen Köbler zurück, macht bis zum Jahresende nur noch Hausbesuche.

Die Neuorganisation der medizinischen Versorgung in Himbergen fordert Patienten, Ärzte und Arzthelferinnen gleichermaßen, räumt Martin Vietor ein. „Manches macht den Leuten Angst, weil wir sehr viel sehr anders machen als es vorher war“, sagt der junge Mediziner. „Da gibt es natürlich Patienten, die sagen, dass es ihnen nicht gefällt, dass sie nicht mehr nur von einem, sondern von mehreren Ärzten behandelt werden.“ Einige Patienten seien seit dem 1. Juli weg geblieben. Neue aber auch hinzu gekommen. Im Juli kommenden Jahres wollen sich Vietor und seine Kollegen dann mal zusammensetzen und Zwischenbilanz ziehen: „Dann muss man sich fragen, war das jetzt gut oder haben wir uns übernommen?“

Dass es in der Zukunft überhaupt noch den klassischen Landarzt geben wird, das bezweifelt Martin Vietor stark. Denn die Mediziner in der Fläche sind oftmals Einzelkämpfer, müssen sich um Patienten ebenso kümmern wie um die Verwaltung. Eine Doppelbelastung, die sich vor allem junge Kollegen nicht antun wollen, weiß der 36-jährige Arzt. „Für kein Geld der Welt“, wie viele Kollegen seiner Generation sagen.

„Hausarzt zu sein, ist der tollste Beruf der Welt“, schwärmt Martin Vietor. „Aber wenn man sich allein irgendwo niederlässt, dann muss man auch alles allein machen. Die Chance, einen Kollegen fragen zu können, der mal irgendwo mit drauf guckt, der mit einem die Last teilt, die hat man dann nicht.“

Und es gibt weitere Erschwernisse: „Der Hausarzt hat unter den Ärzten selber einen schlechten Ruf“, sagt Martin Vietor, „und das kriegen schon die Studenten mit.“ Die Folge: Viele schlagen bereits in der Ausbildung lieber eine Facharztrichtung ein. „Außerdem wurden wir Ärzte nie als Unternehmer ausgebildet“, so Vietor, „aber wir sind es.“ Umso glücklicher ist er, dass er und seine Kollegen „super Arzthelferinnen“ hätten, die alle an einem Strang ziehen – die Bevenser Sprechstundenhilfen ebenso wie die Himberger.

Jürgen Hinrichs ist derweil froh, dass die medizinische Versorgung in der Gemeinde Himbergen auch weiterhin gesichert ist. Mit einem so jungen Ärzte-Team, überschlägt er, sicher für die kommenden 30 Jahre.

Und auch Hinrichs denkt, dass die neuen Zeiten von allen Beteiligten eine gewisse Umstellung erfordern. Zeiten, in denen Himberger Patienten ihren Dr. Köbler auch zu später Abendstunde anriefen – auch zu Hause, wohl gemerkt – und der zum Hausbesuch aufsprang, diese Zeiten haben sich eben geändert. Bei manchen Patienten ist durch einen so selbstlosen und extrem engagierten Einsatz zwangsläufig auch eine sehr hohe Erwartungshaltung an den Hausarzt entstanden.

Die Versorgung der Himberger Patienten durch die drei Bevenser Hausärzte ist heute straff durchorganisiert. Kam bislang jeder zu Dr. Köbler, wann es ihm passte, gibt es heute eine Terminsprechstunde. „Manche Patienten wollen sich aber auch gar keinen Termin geben lassen“, schmunzelt Martin Vietor, „weil sie die Zeit im Wartezimmer für einen Klönschnack nutzen wollen.“

In die Behandlungszimmer des Praxisgebäudes am Dahlenburger Weg 1 in Himbergen haben außerdem Computer Einzug gehalten. Die Rechner sind vernetzt mit der Praxis in Bad Bevensen. In ihnen werden digitale Patientenakten geführt, auf die jeder der Mediziner Zugriff hat. „Damit ist jeder von uns immer auf dem neuesten Stand, wenn er einen Patienten behandelt“, sagt Vietor. Deshalb sei es nicht zwingend notwendig, dass ein Patient immer nur von ein und demselben Arzt behandelt wird. Zumindest aus medizinischer Sicht. – Und außerdem haben sich sowieso schon Patienten „ihren“ Doktor unter den Dreien ausgesucht.

Von Ines Bräutigam

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