Falsche Etikettierung

Skandal um Neuland-Fleisch - ein Einzelfall?

BAD BEVENSEN - „Hoffentlich kommt morgen noch jemand in die Geschäfte“, sorgt sich Andreas Hencke, Geschäftsführer der gleichnamigen Bad Bevenser Schlachterei, als die Betrugsvorwürfe gegen einen niedersächsischen Geflügel-Landwirt am Dienstag öffentlich werden.

Über mehrere Jahre soll der Wietzener Geflügel aus konventioneller Haltung unter dem sogenannten „Neuland-Gütesiegel“ verkauft haben – auch an die Neuland-GmbH Bad Bevensen, die ihren Sitz direkt neben dem Schlachtbetrieb Hencke hat.

„Es gab jetzt natürlich Nachfragen. Aber ich sehe Neuland weiter positiv und es gibt für mich keinen Grund mit Neuland zu brechen“, erklärt der Geschäftsführer der Traditionsfleischerei, die nicht nur wegen der Standortnähe mit Neuland in Verbindung gebracht wird, gestern auf AZ-Nachfrage.

Seit 2000 arbeiten Hencke und die Neuland Produktvermarktung GmbH zusammen – als „zwei Betriebe auf Augenhöhe“, wie Andreas Hencke auf AZ-Nachfrage betont. Hencke schlachtet für Neuland durschnittlich 200 Schweine, 30 bis 50 Rinder sowie 20 bis 30 Schafe pro Woche und produziert mehr als 30 unterschiedliche Neuland-Wurstsorten. „Die Tiere werden von den Landwirten angeliefert und bei uns geschlachtet. Wir geben das Fleisch dann rüber zu Neuland, die es uns und anderen Fleischereien dann wieder verkaufen“, erklärt Andreas Hencke den Ablauf.

Von Bad Bevensen aus werden mehr als 100 Fleischereien und Großküchen in ganz Norddeutschland beliefert – 40 allein in Berlin. Neuland-Produkte liegen seit 2008 in den Verkaufstheken Henckes beider Läden in der Ludwig-Ehlers-Straße und der Kirchenstraße – auch Geflügel hat er im Angebot. Das jedoch wird nicht vor Ort in Bevensen geschlachtet, sondern von anderen Schlachthöfen angeliefert. „Wir haben keine Zulassung für Geflügel“, erklärt Hencke.

Den Geflügel-Betrug hält er für einen bedauerlichen Einzelfall, der aber an seiner Überzeugung von dem Neuland-Prinzip nichts ändert: „Der Neuland-Gedanke ist ein guter. Die Kontrollen funktionieren schon, aber wer mit Vorstatz betrügt, findet immer eine Lücke“, argumentiert er. Am 9. Dezember habe er erfahren, dass der Landwirt, der konventionelles für Neuland-Fleisch ausgegeben haben soll, seinen Vertrag mit Neuland gekündigt habe, nachdem Neuland eine Warenflussanalyse in Auftrag gegeben hatte.

Für Andreas Hencke bedeutete das im ersten Schritt eines: eine Gefahr für das Weihnachtsgeschäft. Denn Neuland konnte die Bad Bevenser Fleischerei nicht mehr mit ausreichend Geflügelfleisch versorgen – immerhin verkauft Hencke allein über die Theke zum Fest der Liebe jedes Jahr durchschnittlich 100 Gänse, Enten, Puten und Hähnchen. Hinzu kommen weitere Bestellungen. „Wir haben die Kunden informiert, dass es Lieferengpässe gibt und ihnen hochwertiges, heimisches Freilandgeflügel angeboten“, erklärt Andreas Hencke.

Um das Ostergeschäft sorgt er sich nicht, denn traditionell sind dort eher Lämmer und nur wenige Putenschnitzel für den Grill gefragt – etwa 200 Neuland-Lämmer schlachtet Hencke vor dem Fest. Von der Neuland-GmbH Bad Bevensen war gestern trotz Nachfrage keine Stellungnahme zu erhalten. Auf der Homepage der Firma ist von einem wirtschaftlichen Schaden von etwa 40 000 Euro die Rede, der bis Ende März durch die Lieferprobleme entstanden sei.

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