„Sitzenbleiben gibt es nicht“

Schulleiterin Heidi Gatz gibt einem ihrer Schützlinge Hilfestellung – in Lerngruppen werden die Kinder der Himberger Grundschule ganz individuell nach ihrem jeweiligen Leistungsstand gefördert und gefordert.

Himbergen - Von Ines Bräutigam. Jeder Morgen beginnt mit Musik und Bewegungsübungen, dem Vorstellen im Sitzkreis und dann geht der Unterricht los. Allerdings sieht der in der Himberger Grundschule ganz anders aus als in anderen Grundschulen des Landkreises Uelzen. Denn statt starrer Klassenverbände gibt es dort Lerngruppen, in denen die Mädchen und Jungen ganz individuell nach ihrem jeweiligen Leistungsstand gefördert und gefordert werden.

„Wir wollen uns an die Bedürfnisse der Kinder anpassen“, sagt Schulleiterin Heidi Gatz, „nicht umgekehrt.“ Und so ist es bereits seit sechs Jahren in Himbergen möglich, dass bereits schulmotivierte Fünfjährige in die Eingangsstufe eingeschult werden können. Die Neulinge, die auch „Blüten“ genannt werden, werden gemeinsam mit sechs- und siebenjährigen Kindern, den eigentlichen Zweitklässlern, unterrichtet – „Früchte“ genannt. Jedes dieser Kinder hat insgesamt drei Jahre Zeit, um den Stoff der 1. und 2. Klasse zu lernen – in seinem eigenen Tempo. „Sitzenbleiben“, so Gatz, „gibt es hier nicht.“

Wurden diese Lerngruppen, in denen ältere und jüngere Kinder mit- und voneinander lernen und sich gegenseitig motivieren, bisher bis zur dritten Klasse beibehalten, laufen sie neuerdings bis zum Ende der Grundschulzeit durch. Gerade zusammengewachsene Gruppen würden so nicht wieder auseinandergerissen, Unruhe würde vermieden, begründet die Schulleiterin dieses Konzept. Nach der vierten Klasse wird dann bei jedem Kind geprüft, wie weit es mit dem Unterrichtsstoff gekommen ist und ob es reif für die 5. Klasse ist.

Auch die klassischen Unterrichtsstunden in Mathe, Deutsch oder Sachkunde gibt es in ihrer bisherigen Form in Himbergen nicht mehr. Während der Unterrichtseinheiten können die einen Matheaufgaben lösen, während die anderen das Lesen üben. Jeder wird in diesem kooperativen Modell nach seinem Leistungsstand gefördert und gefordert. Gleichzeitig werden die Kinder von Schülern der Bevenser Physiotherapieschule begleitet, die ein Auge auf Motorik oder Körperspannung der Schüler legen und gegebenenfalls speziell fördern.

„Man kann allein aufgrund seines Geburtsdatums nicht sagen, was ein Kind kann“, fasst Heidi Gatz zusammen. In alters- und leistungsgemischten Gruppen will man deswegen „die Möglichkeit des Reifens schaffen“, das Miteinander der Schüler fördern, Sozialverhalten entwickeln. „Und wenn Kinder schon ganz früh dabei sind, beispielsweise mit fünf Jahren, sieht man eben schon viel früher, wo sie möglicherweise Förder- oder Forderbedarf haben“, so Gatz.

So erleben die Lehrkräfte zum Beispiel, dass Fünfjährige mit der so genannten Silbentechnik bereits das Lesen gelernt haben oder Sechs- und Siebenjährige einfach mal so ein Referat über den neuen Airbus halten wollen. Neulich erst überraschten Himberger Viertklässler damit, dass sie das Thema „20 Jahre Mauerfall“ behandeln wollten. Und ein Besuch beim Bundestagsabgeordneten Henning Otte in Berlin zeigte, dass sie nicht Fragen interessierten wie „Wo isst du?“ und „Wo arbeitest du?“, sondern Fragen wie „Glaubst du, dass Herr Wulff ein guter Bundespräsident wäre?“

Das Ergebnis der jüngsten Schulinspektion hat die Himberger motiviert, diesen Weg weiter zu beschreiten. Und so werden auch weitere Fortbildungen für Lehrer und Elternvertreter fällig, um letztendlich „der Vielfalt der Kinder gerecht zu werden“, wie es Heidi Gatz formuliert.

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