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Shitstorm aus Bämsen: Hans-Peter Reumann schreibt einen Leserbrief zum Stadtfest

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Stimmung vor einer Bühne beim Bevenser Stadtfest. Weil er sich in einem Leserbrief über die „Krachorgie“ beschwerte, musste Hans-Peter Reumann bei Facebook herabsetzende Kommentare über sich ergehen lassen.

Bad Bevensen – Alles begann damit, dass er sich ärgerte. Drei Tage lang feierte Bad Bevensen Stadtfest, und das nicht leise. Von drei Bühnen wurde die Kurstadt beschallt.

Was andere in Stimmung brachte, empfand Hans-Peter Reumann einfach nur als Kakophonie, bei der kein Gespräch mehr möglich sei.

Seinen Ärger fasste er in einem Leserbrief zusammen, der am Mittwoch vor einer Woche in der AZ erschien. Darin sprach er von einer „Krachorgie“ und forderte die Abschaffung des Stadtfests in seiner jetzigen Form. Dass seine Position Widerspruch herausforderte, war Reumann klar, aber der potenzierte sich im sozialen Netzwerk Facebook zu einem kleinen Shitstorm, so der Fachbegriff für eine Lawine negativer, teils beleidigender Kommentare.

Hans-Peter Reumann, Leserbriefschreiber.

65 Mal reagierten Mitglieder der Gruppe „Wir aus Bämsen“ auf die Krach-Kritik. „Spaßbremse“ war dabei die harmloseste Bezeichnung für den 74-jährigen Leserbriefschreiber. Reumann wurde als „Vollhorst“, „Dauer-Nörgler“ und „Vollzeit-Meckerer“ tituliert. „Das sind die Leute, die aufs Dorf ziehen und sich über Trecker und Hähne aufregen“, meint einer der Kommentatoren. Ein anderer will dem Leserbriefschreiber bei jedem Schützenfest den Spielmannszug „zum Wecken“ vorbeischicken. Und eigentlich hätte die AZ den Leserbrief, eine „überflüssige Einzelmeinung’“, auch nicht veröffentlichen sollen, heißt es in einem anderen Kommentar.

„In fast allen wurde ich beschimpft, beleidigt, niedergemacht. Meine Familie wurde mit einbezogen“, beklagt Reumann. „Für einen Augenblick glaubte ich, mich mit einer rechten Gruppierung angelegt zu haben, was die Wortwahl und die Gehässigkeit betrifft. Aber nein, es waren alles – soweit ich das beurteilen kann – solide, rechtschaffene Bevenser Bürger.“

Für Reumann ist das ein Unding und eine gefährliche Entwicklung dazu, denn die Meinungsfreiheit sei nicht zuletzt im Grundgesetz verankert. „Ich mag verdammen, was Du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass Du es sagen darfst“, zitiert er in diesem Zusammenhang den Aufklärer Voltaire (1694-1778).

Nicht alle Facebook-Kommentare auf den Leserbrief sind beleidigend oder herabsetzend. Den Schreibern geht es darum, das Stadtfest zu verteidigen. Es sei schön, auf dem Balkon zu sitzen und der Musik zu lauschen, schreibt ein Mitglied etwa. Drei Tage laute Musik im Jahr seien zumutbar, meinen andere.

Gerhard Kreutz, Geschäftsführer der Bad Bevensen Marketing als Veranstalter, hatte in der AZ darauf verwiesen, dass Dezibel-Vorgaben eingehalten und das Bühnenprogramm jeweils um Mitternacht beendet wurde. „Ob sich wohl jemand aus der Facebook-Gruppe ,Wir in Bämsen’ bei mir entschuldigt?“, fragt sich Reumann. „Wohl eher nicht.“

VON GERHARD STERNITZKE

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