Der Neuseeländer Hayden Cullen will sich 99 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg bei der Familie eines Eppensers bedanken

Der Retter seines Urgroßvaters

+
99 Jahre nachdem H. Held seinem Urgroßvater Ray das Leben rettete, will sich Hayden Cullen bei der Familie des Eppensers bedanken und ihr die Brieftasche ihres Vorfahren übergeben.

Eppensen. Es ist ein Moment der Menschlichkeit im millionenfachen Töten des Ersten Weltkriegs. Ein neuseeländischer Soldat wird in Frankreich schwer verwundet.

Ein deutscher Offizier rettet den schwer Verletzten – und trägt ihm auf, seine Brieftasche der Familie zukommen zu lassen. Doch der Neuseeländer kann die Angehörigen nie ausfindig machen. Jetzt, 99 Jahre später, sucht der Urenkel Hayden Cullen noch einmal die Nachfahren des Mannes, der seinen Urgroßvater gerettet hat. Das berichtet das neuseeländische Militär. H. Held, so steht es auf der leeren Brieftasche, war in Eppensen im Landkreis Uelzen zu Hause.

Cullen, ebenfalls Soldat, macht sich natürlich keine Illusionen darüber, wie schwierig es sein wird, die Nachfahren zu finden. „Ich weiß, es ist reine Spekulation, aber wenn ein Wunder geschehen kann – warum nicht ein weiteres?“, meint der Neuseeländer, der heute, Donnerstag als Militärmusiker der New Zealand Army Band aus der Nähe von Christchurch am 100-jährigen Gedenken an die Schlacht von Passchendaele in Belgien teilnimmt. Neuseeland beteiligte sich mit 100 000 Soldaten am Ersten Weltkrieg. Mehr als 16 000 starben.

Die Postadresse des Retters H. Held: Eppensen, Provinz Hannover, Kreis Uelzen, Gemeinde Emmendorf.

Cullens Urgroßvater hat seine Rettung in einem Brief an seine Familie geschildert. Sie spielt in den letzten Kriegstagen im November 1918, als die alliierten Truppen die französische Stadt Le Quesnoy von den Deutschen zurückerobern. Dabei wird eine neuseeländischer Maschinengewehr-Posten von einer Granate getroffen. Ray Cullen überlebt als einziger von sechs Soldaten schwer verletzt. Er versucht zu den eigenen Linien zu gelangen, bricht aber aufgrund des schweren Blutverlusts zusammen.

Ein deutscher Trupp unter Leitung von Held, gerade auf dem Weg sich zu ergeben, stößt auf den Verwundeten. Der Offizier lässt seine Leute aus ihren Mänteln eine Trage machen und Cullen mitnehmen. Bevor er sich ergibt, vertraut Held ihm seine Brieftasche an. Der nimmt sie zunächst mit auf die Farm in Neuseeland. Die Angehörigen aber erreicht er nie. Nun, so sein Urenkel, setzt die Familie alle Hoffnungen auf Hayden Cullen, dass er das Stück nach Europa bringt und die Familie des Retters findet. „Man weiß nie, wen man hier drüben treffen könnte – sogar 99 Jahre später“, glaubt Cullen. „Wir schulden ihnen großen Dank für das, was ihr Vorfahr für den unsrigen tat.“

Auf der Brieftasche in Cullens Besitz ist unter dem Namen als Adresse vermerkt: Eppensen, Gemeinde Emmendorf, Kreis Uelzen, Provinz Hannover. Der Offizier namens Held, der im Ersten Weltkrieg Nächstenliebe zeigte, scheint überlebt zu haben. Stadtarchivar Tino Wagner hat Heinrich Wilhelm Adolf August Held, geboren 1898, im Bevenser Kirchenbuch gefunden. Der Sohn des Eppenser Schneidermeisters Johann Heinrich Friedrich Held, starb 1928 in Eppensen– ledig und kinderlos.

Von Gerhard Sternitzke

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare